Die Lieblingsschriften der Grafikdesignerin
Brigitte Schuster

Die Lieblingsschriften der Grafikdesignerin Brigitte Schuster

Brigitte Schuster
Nach einem Kunst- und Designstudium in Kanada, England, den Niederlanden, Italien, Portugal und Deutschland lebt Brigitte Schuster inzwischen in Bern in der Schweiz.
Sie arbeitet als Grafik- und Schriftdesignerin und auch als Autorin und Dozentin. 2013 gründete sie ihren eigenen Verlag, Brigitte Schuster Éditeur, der ihr die Freiheit gibt, nicht nur eigene Projekte, sondern auch solche, die ihre Phantasie anregen, umzusetzen.
Brigitte Schuster erzählt, dass ihre Liebe zur Typografie langsam gewachsen ist. Erst ihre Arbeit als Grafikdesignerin und die Beschäftigung mit Kalligrafie und Schreibkunst weckt ihr Interesse am Schriftdesign. Jetzt ist Typografie einer ihrer Arbeitsschwerpunkte und mit Cardamon™ veröffentlicht sie 2015 ihre erste eigene Familie.
Exklusiv für Linotype.com stellt Brigitte Schuster in diesem Beitrag ihre Lieblingsschriften vor und erklärt den historischen Kontext, aus dem sie die Gestaltungen ausgewählt hat.


Brigitte Schuster: „Was sind meine Lieblingsschriften?“

Sechs Schriften aus der Fülle an Schriften (von den Anfängen der Druckschrift Ende des 15. Jahrhunderts bis heute) auszusuchen fand ich überaus schwierig. Einfacher wäre die Aufgabe gewesen, die Schriften für ein bestehendes Projekt auszuwählen, wo man inhaltlich oder formal begrenzt ist.
Ich habe versucht Schriften aus der Bandbreite verschiedener Epochen bzw. Schriften mit Merkmalen dieser Epochen auszuwählen.


Neo-Renaissance: Mendoza

 ITC Mendoza
Mir gefallen an der Mendoza die formalen Renaissance-Merkmale‚ ohne dass die Schrift elegant wirkt – eigentlich eher zurückhaltend. Das wird erreicht‚ indem die Buchstaben insgesamt wenig Kontrast aufweisen und dadurch kräftig und robust wirken. Auch die relativ knappen Ober- und Unterlängen tragen dazu bei.
(Die 1991 von José Mendoza y Almeida veröffentlichte Antiqua Mendoza® orientiert sich an historischen Vorbildern und kann dank ihrer robusten Formen auch auf niedrigauflösenden Ausgabegeräten oder unter suboptimalen Druckbedingungen bestehen.)


Neo-Renaissance: Albertina

 Albertina
Die Albertina spricht mich durch ihre klassische Formgebung der Renaissance an. Ihre Formen sind einerseits ruhig‚ aber auch lebendig mit spannenden Details. Die Albertina macht einen anmutigen Eindruck. Das Schriftbild ist eher eng laufend ohne jedoch die Lesbarkeit negativ zu beeinflussen.
(Inspiriert von kalligrafischen Schriften entwirft Chris Brand in den 1960er Jahren die zierliche, freundliche Albertina. Allerdings setzen die starken technischen Einschränkungen der damaligen Satzsysteme der Schrift stark zu, so dass sich viele Jahre später Frank E. Blokland entschließt, Albertina auf der Grundlage von Originalzeichnungen zu überarbeiten und auszubauen.)


Zeitgenössische Serifenschrift: Swift

 Neue Swift
Die Serifenschrift Swift beeindruckt mich durch die gute Lesbarkeit‚ die unter anderem durch die horizontale Leseführung erreicht wird‚ indem das Auge durch die Buchstabenformen entlang der x-Höhe geführt wird. Das Schriftbild läuft im engeren Bereich‚ aber die Buchstabenformen sind offen‚ was der Lesbarkeit wieder entgegenkommt.
(Die solide Zeitungsschrift Swift® wird 1989 von Gerard Unger veröffentlicht. Die auf Lesbarkeit getrimmten Buchstaben machen vor allem mit den markanten, fast kegelförmigen Serifen auf sich aufmerksam. In Zusammenarbeit mit Unger veröffentlicht Linotype 2009 die grundlegend überarbeitete, technisch modernisierte und deutliche ausgebaute Neue Swift®.)


Unkonventionelle „moderne“ Schrift: Electra

 Electra
Die Electra zählt mit ihren flachen Serien zur Kategorie der „modernen“ Schriften. Sie hat aber formal auch Charakteristiken der Renaissance zu bieten. Abgesehen von der experimentellen Formgebung gefällt mir ihr ruhiges Schriftbild. Auch die Kursive sagt mir zu. Sie besteht aus den Formen der Roman‚ die im leichten Winkel stehen. So wirkt die Kursive innerhalb eines Fliesstextes wenig aufdringlich.
(Die 1935 von William A. Dwiggins gezeichnete Electra® gehört zu den sogenannten Modernen Schriften, die sich formal an keinem historischen Vorbild orientieren. Die offenen und gut lesbaren Buchstaben eignen sich bestens für lange Texte. Eine ausgebaute und überarbeitete Version der Schrift wurde 1998 vom TDC mit einem Certificate for Typographic Excellence ausgezeichnet.)


Universale Serifenlose: Univers

 Univers Next
Die Univers ist seit ihrer Entstehung in den 50ern bis heute viel gesehen. Sie ist eine zeitlose Schrift‚ die ich immer wieder gern einsetze. Die Schrift ist in ihrer Anmutung neutral ohne erkennbare Ästhetik‚ was sie für verschiedenste Projekte einsetzbar macht. Die Univers‚ die mit vielen Schriftschnitten ja auch als Vorreiter für eine gut ausgebaute Schrift gilt‚ gefällt mir formal‚ aber auch vom funktionalen Gesichtspunkt.
(Mit dem perfekt ausgebauten Schriftsystem Univers® veröffentlicht Adrian Frutiger 1957 einen typografischen Klassiker. Die zurückhaltenden aber dennoch freundlichen Buchstaben entwickeln sich schnell zu einer der zentralen Schriften der Schweizer Typografie und bis heute ist Univers eine der Favoriten, wenn es um große Firmenausstattungen geht. Zusammen mit Linotype entsteht 2010 eine vorsichtig modernisierte und überarbeitete Version– die Univers® Next.)


Zeitgenössisches Grotesk-Revival: Classic Grotesque

 Classic Grotesque
Das Revival dieser Grotesk vom beginnenden 20. Jahrhundert gefällt mir einerseits wegen seiner Neutralität‚ andererseits gerade auch wegen seiner spezifischen Details‚ die sich aus deutschem ästhetischen Einfluss entwickelt haben. Warum gerade diese Grotesk? Sie steht für mich für Grotesk-Schriften im weiteren Sinn. Durch ihre vielen Schnitte und Features kann man sie vielfältig brauchen.
(Classic Grotesque™ ist eine Überarbeitung und Erweiterung der historischen Monotype Grotesque® von Rod McDonald. Die ursprünglich 1926 veröffentlichte Schrift hat wie zum Beispiel auch die Helvetica® ihre Wurzeln in den frühen Groteskschriften des 20. Jahrhunderts, einige abgeschrägte Linienabschlüsse und lebendige Details geben der Classic Grotesque aber ein sehr freundliches Flair.)
* Bruttopreis 58,31 Euro inkl. MwSt.
Das Angebot gilt nicht für Inhaber von Benutzerkonten, die bereits eine feste Preisrabattierung erhalten.

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