Brigitte Schuster

Brigitte Schuster

Interview mit Brigitte Schuster

Wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für Schriftdesign?
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Mein Interesse für Typografie und Schriftdesign entwickelte sich und wuchs erst im Verlauf der Jahre, als ich bereits als Grafikerin arbeitete. Nach und nach interessierte ich mich zunehmend für die Details der Typografie und so gelangte ich zu ihrer kleinsten Einheit, den Schriften und ihren Buchstaben und Zeichen.
Einige Zeit bevor ich mit dem Schriftdesign begann, hatte ich mich außerdem mit Kalligrafie und Schreibkunst beschäftigt. Was ich dort über Buchstabenformen lernte, brachte mich dem Schriftdesign ebenfalls näher.
Bis zum aktuellen Zeitpunkt habe ich bei verschiedenen Lehrern studiert und deren Ansätze kennen gelernt, wie zum Beispiel die von Frank Blokland (Noordzij-Tradition), Jost Hochuli (Walter Käch-Tradition), Mike Kecseg (Federzeichnung) sowie von Julian Waters und Sheila Waters (Edward Johnston-Tradition).

Wie viele Schriften haben Sie bis jetzt entworfen?
Cardamon Pro ist meine erste Schrift, wenn ich frühere Schriftexperimente nicht mitzähle. Ursprünglich habe ich mit dem Entwurf für meinen Master of Design in Type and Media an der Königlichen Akademie für bildende Kunst in Den Haag (Niederlande) im Jahr 2010 begonnen.

Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung? Welchen Beruf üben Sie neben dem Schriftdesign aus?
Schriftdesign ist nicht meine Hauptbeschäftigung. Neben dem Kreieren von Schrift benutze ich sie auch gern. Ich arbeite als Grafikerin und konzentriere mich hierbei vor allem auf Gestaltung im Verlagswesen. 2013 gründete ich meinen eigenen Verlag „Brigitte Schuster Éditeur“, mit dem ich persönliche Bücher unabhängig verlege und eigene Projekte umsetze. Außerdem beschäftige ich mich mit Design-Forschung, schreibe über Design und unterrichte Grafik.

Ganz zu Beginn meines Gestaltungsprozesses wollte ich herausfinden‚ ob sich diese Winkelstellung positiv auf die Lesbarkeit auswirkt‚ gemäß der sogenannten M-Formel von Dwiggins.

Was inspirierte Sie zum Entwurf dieser Schrift?
Die Proportionen der Buchstaben von Cardamon Pro inspirieren sich an der Arbeit der Stempelschneider Hendrik van den Keere und Robert Granjon aus dem 16. Jahrhundert, deren Schriften eine besonders großzügige x-Höhe aufweisen. Dies garantiert gute Lesbarkeit, auch in kleinen Formaten. Die Antiqua hat eine leicht geneigte Achse, die auf den Schreibwinkel einer breiten Feder zurückzuführen ist. Ganz zu Beginn meines Gestaltungsprozesses wollte ich herausfinden, ob sich diese Winkelstellung positiv auf die Lesbarkeit auswirkt, gemäß der sogenannten M-Formel von Dwiggins. Dwiggins entwickelte diese Methode für die Gestaltung seiner Schriften, wie zum Beispiel Caledonia oder Experimental No.223, die in kleinen Formaten besser lesbar sein sollten. Er vertrat die Meinung, dass eckige Formen in kleineren Größen vom menschlichen Auge rund wahrgenommen werden.
Ebenso wie Dwiggins versuchte ich Buchstabenformen so zu gestalten, dass sie in größeren Formaten abstrakt und in kleineren rund wirken würden. Obwohl die eckigen Formen in kleineren Formaten weniger auffielen, erwiesen sie sich jedoch nicht als wirklich nützlich, um die Lesbarkeit zu verbessern. Da also die Eckigkeit meinem Ziel, eine sehr gut lesbare Schrift für redaktionelle Zwecke zu entwerfen, nicht diente, brach ich das Projekt ab.
Die Kursive inspiriert sich an den Schreibkünstlern Giovan Francesco Cresci und Ludovico degli Arrighi, ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert, sowie an der Kursivschrift von Robert Granjon. Sie unterscheidet sich erheblich von der Antiqua und hat etwas Literarisches. Sie positioniert sich in einer stilistischen Übergangszeit, die Elemente von Schreibschrift mit spitzer Feder enthält.

Haben Sie sich bei dem Entwurf von anderen Schriften beeinflussen lassen?
Ich wollte eine Schrift mit scharfen Kanten und Ecken entwerfen. Dafür ließ ich mich von eckigen Formen inspirieren, wie jenen der Antiqua und Kursive von Vojtěch Preissig oder der Menhard von Oldrich Menhard.

Wenn ich mir von einer bestimmten Form ein klareres Bild verschaffen wollte‚ half es oftmals‚ diese Form von Hand mit einer breiten Feder zu schreiben.

Welche Techniken nutzten Sie bei der Realisierung Ihrer Schrift und wie gestaltete sich der Design-Prozess?
Zur Definition des Designs nutzte ich folgende Techniken: Zuerst sah ich mir Schriften an, die mich ansprachen, und versuchte herauszufinden, was genau mich an ihnen faszinierte. Ich skizzierte das „n“ und das „a“ der jeweiligen Schriften. Inspiriert von den Formen, die ich mir angesehen hatte, skizzierte ich dann meine eigenen Buchstaben. Dabei stellte ich fest, dass ich scharfe Kanten und Ecken bevorzugte.
Nach einigen Handskizzen ging ich schnell dazu über, direkt in der Font-Design-Anwendung einige Rohentwürfe zu erstellen. Ich skizzierte vier Kleinbuchstaben und einen Großbuchstaben, um ein Gefühl für das Schriftbild zu entwickeln. Zu diesen ersten Buchstaben zählte das „n“, an dem ich die vertikalen Formen definierte, sowie das „b“ für die Rundungen. Nachdem diese Fundamente, sozusagen die DNA der Schriftform, definiert waren, entwarf ich auf dieser Grundlage alle anderen Buchstaben des Alphabets. Wenn ich mir von einer bestimmten Form ein klareres Bild verschaffen wollte, half es oftmals, diese Form von Hand mit einer breiten Feder zu schreiben. Hier erwiesen sich meine kalligrafischen Kenntnisse als nützlich.
Für die Gestaltung des Fonts verwendete ich hingegen folgende Techniken: In den vier Entwicklungsjahren der Schrift, 2010 bis 2014, nutzte ich unterschiedliche Anwendungen.Ich begann mit FontLab Studio und externer Software wie Superpolator (Interpolation und Extrapolation), Prepolator (vergleicht herkömmliche Schriftzeichen und ermöglicht die Auswertung und Anpassung der Kompatibilität der Interpolation), ufo Stretch (Umwandlung, Übersetzung und Interpolation eines bestimmten Zeichensatzes, zur Gestaltung von Kleinbuchstaben), sowie Metrics Machine (Kerning-Tool) und andere Tools für den ufo-basierten Arbeitsablauf. Manchmal wechselte ich mehrmals zwischen Glyphs und FontLab Studio hin und her.

Welche war die größte Herausforderung, mit der Sie sich bei der Gestaltung Ihrer Schrift konfrontieren mussten?
Da der Gestaltungsprozess über mehrere Jahre verlief, bemerkte ich jedes Mal, wenn ich nach einer Unterbrechung wieder daran arbeitete, neue Details, die ich ändern wollte. Je mehr Form die Schrift annahm, desto mehr Zeichen mussten bei solchen Änderungen angepasst werden. So war ich beispielsweise am Anfang nicht sicher, wie ich mit den Serifen der Groß- und Kleinbuchstaben umgehen sollte, ob ich die der Großbuchstaben dicker oder länger als die der Kleinbuchstaben gestalten sollte, um ein ebenmäßiges Erscheinungsbild zu schaffen. Letztendlich zeichnete ich die Groß- und Kleinbuchstaben gleich dick, aber die Serifen der Großbuchstaben etwas länger, um ihr im Vergleich zu den Kleinbuchstaben robusteres Erscheinungsbild auszugleichen.

Wie würden Sie den Stil Ihrer Schrift beschreiben?
Cardamon ist eine unaufdringliche Serifenschrift, die in ihrem Gesamtbild dennoch entschlossen wirkt. Im Hinblick auf die Details ist ihr Hauptmerkmal die Eckigkeit der Formen, die alle Buchstaben kennzeichnet. Die Kursive hingegen wirkt eher literarisch. Wenn sie mit der Antiqua kombiniert wird, sticht sie stark hervor.

Gibt es etwas, das Sie unterstreichen oder der Grafiker-Community über Ihre Schrift sagen möchten?
Aufgrund ihrer großzügigen x-Höhe ist Cardamon auch in kleinen Formaten oder am Bildschirm gut lesbar. Cardamon Pro besteht aus einer diskreten Antiqua mit einer lebendigen Kursiv-Variante, die sich von der Antiqua deutlich abhebt. Der Neigungswinkel der Kursive von Cardamon Pro ist mit 15° recht steil. Während die Antiqua antik und wie mit breiter Feder geschrieben wirkt, hat die Kursive eher einen Übergangscharakter zum Schreibstil mit spitzer Feder. Außerdem hat die Schrift einzigartige Ornamente, die sie hervorragend ergänzen.

Cardamon eignet sich für komplexe Text-Settings‚ da sie mit diversen Features ausgestattet ist …

Für welche Anwendungen (Poster, Text, Zeitungen, Werbung usw.) würden Sie Ihre Schrift empfehlen?
Cardamon eignet sich für komplexe Text-Settings, da sie mit diversen Features ausgestattet ist: Es gibt vier Schriftstärken, eine markante Kursive, Kapitälchen und Ziffern für jeden Bedarf, von Mediävalziffern bis hin zu proportionalen Ziffern. Sie garantiert gute Lesbarkeit auch in kleinen Formaten. Cardamon ist eine ideale Schriftfamilie für redaktionelle Anwendungen wie zum Beispiel Bücher und Magazine.

Welche sind die einzigartigen Details, die diese Schrift Ihrer Meinung nach charakterisieren?
Cardamon ist eine moderne Serifen-Schrift. Die charakteristischen Eigenschaften der Antiqua sind ihre beachtliche x-Höhe, große Punzenformen (d, o), markante obere Abschlüsse (l), der sichtbare Duktus (n), die optisch horizontale Ausrichtung des Schriftbildes (n), die eckigen Formen (n, o), die geneigte Achse aufgrund der Inspiration am Winkel beim Schreiben mit einer breiten Feder (n, o) und die asymmetrischen unteren Abschlüsse (n). Die Hauptmerkmale der Kursiven sind ihre Neigung von 15°, die markanten oberen Abschlüsse (l, f), die scharf rekursiven Linien (a), die überspitzten Verbindungen und Winkel (n), die eine Übergangsform zum Schriftstil mit spitzer Feder kennzeichnende Achse (n) und die schlichten unteren Abschlüsse (a). Die Proportionen der Großbuchstaben basieren eher auf modernerer Tradition und die Breiten aller Buchstaben haben mehr oder weniger ähnliche Proportionen. Außerdem habe ich versucht, auch die Breite der Kleinbuchstaben optisch einheitlich zu gestalten.
Die Großbuchstaben bleiben unter der Oberlinie (hilfreich zum Beispiel bei deutschem Text, der viele Großbuchstaben enthält und auf diese Weise dezenter wirkt).
Der ähnliche Kontrast der Groß- und Kleinbuchstaben begünstigt ein ausgeglichenes Textbild. Cardamon Pro hat vier Schriftstärken (Regular, Italic, Medium, Medium-Italic, Semi-Bold, Semi-Bold Italic, Bold, Bold-Italic), Kapitälchen und Ziffern für jeden Bedarf, von Mediävalziffern bis hin zu proportionalen Ziffern. Außerdem enthält die Schrift eigens entworfene Ornamente.

Aus welchem Grund haben Sie der Schrift diesen Namen gegeben und was bedeutet er?
Ich wollte einen Namen, der den Charakter der Schrift widerspiegelt und den man sich leicht merken kann. Mir gefiel die Ähnlichkeit zum Namen eines Gewürzes, so als würde die Schrift den Text würzen. Cardamon Pro beeinflusst den Text ebenso, wie das Gewürz die Speise. Gewürze verleihen einen charakteristischen, angenehmen Geschmack, ebenso wie sich die Schrift auf das Aussehen des Textbildes auswirkt, mit ihren eckigen Formen oder der ungewöhnlichen Kursive.

Haben Sie mit anderen zusammengearbeitet?
Zu Beginn trugen meine Mentoren an der Kunstakademie in Den Haag zur Form der Schrift bei. Später halfen mir Nils Thomsen und Irina Smirnova, einzelne Buchstabenformen zu optimieren. In der Abschlussphase des Projekts arbeitete ich mit Nils Thomsen zusammen und bei der Laufweite und dem Kerning mit Igino Marini.

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