Peter Matthias Noordzij

Peter Matthias Noordzij

Interview mit Peter Matthias Noordzij

Wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für Schriftdesign?
Schriften sind schon immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens gewesen. Mein Vater war ein autodidaktischer Schriftkünstler, er beschäftigte sich mit Kalligrafie, Schriftdesign, Vergoldungen, Gravuren, Steinmetzkunst, im Grunde mit allem, was man mit Schriften verzieren kann. Als Kind spielte ich mit Drucktypen, die mein Vater nicht mehr benötigte. Er schnitzte Schreibfedern aus Schilf für meinen Bruder und mich, um uns auch zum Schreiben zu motivieren. An der Kunstakademie war er unser Dozent für Typografie. Auf andere Studenten wirkte er oft unergründlich, aber wir haben ihn immer gut verstanden, was sich sehr positiv auf unsere Entwicklung an der Kunstakademie auswirkte. Er lehrte uns die Beziehungen zwischen Kalligrafie und Schriftdesign und wie wir unsere eigenen Handschriften als Referenz nutzen können, um Designprobleme zu lösen, aber auch als unerschöpfliche Quelle für den Entwurf neuer Schriften.

Wie viele Schriften haben Sie bis jetzt entworfen?
Ich habe diverse Schriften entwickelt, viele davon in Kooperation mit anderen Designern.
Die erste Schrift, bei deren Entwurf ich die Leitung hatte, war PMN Caecilia®. Dann habe ich wieder mit anderen Designern zusammengearbeitet – besonders gern mit meinen früheren Studenten – damit sie mich unterstützen und meine Design-Entscheidungen kritisch betrachten, um auf diese Weise die Projekte auf ein höheres Niveau zu heben.

Ich liebe es‚ über Design zu diskutieren. Das hilft mir‚ meine Auseinandersetzung damit und meine Ideen zu schärfen …

Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung? Welchen Beruf üben Sie neben dem Schriftdesign aus?
Ich betrachte mich selbst als Grafiker, Drucker und Schriftdesigner. Ich kann das Eine vom Anderen einfach nicht trennen. Außerdem bin ich als Dozent tätig. Ich lehre Grafikdesign, Typografie und Schriftdesign an Kunstakademien. Ich liebe es, über Design zu diskutieren. Das hilft mir, meine Auseinandersetzung damit und meine Ideen zu schärfen, außerdem nehme ich dadurch die Anforderungen anderer Designer besser wahr.

Was inspirierte Sie zum Entwurf dieser Schrift?
Ich habe festgestellt, dass sich meine Lesevorliebe langsam vom Print zum Bildschirm verschoben hat. Nachdem ich einige Bücher auf meinem Kindle gelesen hatte, erkannte ich das Potenzial der PMN Caecilia für Bildschirmanwendungen, obwohl die Classic PMN Caecilia ursprünglich für Printanwendungen entworfen worden war.
Schon seit Jahren tüftelte ich an dem Vorhaben, eine PMN Caecilia Sans-Schriftfamilie zu entwerfen, die eine Erweiterung der Classic PMN Caecilia und gleichzeitig eine unabhängige Schrift für Bildschirmanwendungen sein könnte.
Also entwickelte ich ein Konzept für diese PMN Caecilia Sans-Schriftfamilie, gemeinsam mit einer Langzeitplanung über mehrere Jahre. Im Jahr 2009 habe ich dann langsam mit der Umsetzung begonnen, mehr als 25 Jahre nach dem Entwurf der PMN Caecilia.

Haben Sie sich bei dem Entwurf von anderen Schriften beeinflussen lassen?
Natürlich. Die Idee von Adrian Frutiger, die er mit seiner Schriftfamilie Univers®  umgesetzt hat, war sehr wichtig für mich, nämlich dass alle Strichstärken und alle Schnitte der Familie austauschbar sind. Dieses Werk war für mich eine sehr wichtige Referenz. Übrigens war es auch Adrian Frutiger, der Linotype im Jahr 1984 überzeugte, meine PMN Caecilia aufzunehmen, nachdem ich ihm meine ersten Proben auf der ATypI Konferenz in London gezeigt hatte.
Ebenso schätze ich die Arbeiten von Georg Trump, Oldrich Menhardt und José Mendoza y Almeida aufgrund ihrer Authentizität sowie einige von Matthew Carter. Auch Edward Johnston möchte ich an dieser Stelle erwähnen. Bei meinen Entwürfen fange ich immer mit einem Stift auf Papier an und in Bezug darauf waren die Arbeiten von Johnston für mich ein wichtiger Anhaltspunkt.
Der Designer, der mich am meisten beeinflusst hat, war jedoch Bram de Does. Wir haben viele Jahre zusammengearbeitet, insbesondere beim Entwurf und der Produktion von Lexicon und der digitalen Trinité. In endlosen Telefonaten führten wir inspirierende Gespräche über typografische Qualität und die Zwecke des Schriftdesigns. Für mich war dieser Austausch von unschätzbarem Wert. Wir sprachen über die Funktionalität von Schriften, die er für weitaus wichtiger hielt als ihre Ästhetik. Er zeichnete sogar Buchstaben, die er für unattraktiv hielt, wenn sie einen typografischen Zweck erfüllten, der mit anderen, optisch ansprechenderen Varianten nicht erfüllt werden konnte.
Obwohl er im Alter meines Vaters war, schmiedeten wir Pläne wie Freunde, nur so aus Spaß, oder forderten einander heraus, um zu sehen, ob uns etwas gelingen konnte, das als unmöglich galt …

Stift‚ Papier und meine Augen sind meine Design-Werkzeuge‚ Computer und Drucker meine Produktions- und Testinstrumente …

Welche Techniken nutzten Sie bei der Realisierung Ihrer Schrift und wie gestaltete sich der Design-Prozess?
In der kreativen Phase – also beim effektiven Design – skizziere ich meine Ideen auf Papier. In der Produktionsphase, wenn die Design-Entscheidungen gefallen sind, arbeite ich am Computer weiter. Aber sobald in Bezug auf das Design eine Frage auftaucht, kehre ich wieder zum Papier zurück.
Stift, Papier und meine Augen sind meine Design-Werkzeuge, Computer und Drucker meine Produktions- und Testinstrumente. Und natürlich nutze ich den Computer, wenn ich Serien von Alternativzeichen gestalte.

Hätte es die Classic PMN Caecilia nicht gegeben‚ hätten wir für die PMN Caecilia Sans andere Entscheidungen getroffen …

Welche war die größte Herausforderung, mit der Sie sich bei der Gestaltung Ihrer Schrift konfrontieren mussten?
PMN Caecilia habe ich 1983 entworfen und PMN Caecilia Sans um 2015, also rund 30 Jahre später. Natürlich hatte sich in dieser Zeit meine Sicht auf das Schriftdesign verändert und ich wollte unbedingt mein neuestes Know-how in die PMN Caecilia Sans einbringen, jedoch ohne die Verbindung zur PMN Caecilia zu verlieren.
PMN Caecilia Sans war als eigenständige Schriftfamilie gedacht, die aber auch zur PMN Caecilia passen sollte. Hätte es die Classic PMN Caecilia nicht gegeben, hätten wir für die PMN Caecilia Sans andere Entscheidungen getroffen. Wir haben einige bestehende Elemente aufgegriffen und umgearbeitet, und dabei stets darauf geachtet, dass sie perfekt zur Classic PMN Caecilia passen.
Es war nicht einfach, zu erreichen, dass diese Eigenschaften in der PMN Caecilia Sans natürlich wirkten.
In einigen Fällen haben wir sowohl die klassische als auch die neue Form beibehalten und die klassische Variante zu den Alternativzeichen verschoben. Aber dank der Eigenschaften der Classic ist PMN Caecilia Sans eine unverwechselbare und anspruchsvolle Schrift geworden, trotz ihres natürlichen Aussehens.

Wie würden Sie den Stil Ihrer Schrift beschreiben?
Dieses Urteil möchte ich den Nutzern überlassen. Ich habe versucht, eine humanistische, freundliche, vielseitige und zeitlose, aber dennoch anspruchsvolle Schrift zu realisieren, die den Anforderungen vieler Nutzer gerecht wird. Sie sollte nicht auffällig sein, sondern großzügig, indem sie den Nutzern zahlreiche Möglichkeiten für alle Arten von visuellem oder typografischem Ausdruck gibt.

Gibt es etwas, das Sie unterstreichen oder der Grafiker-Community über Ihre Schrift sagen möchten?
Ich möchte alle einladen, PMN Caecilia Sans auszuprobieren. Jeder Stil und jede Variante erfüllt einen Zweck, der möglicherweise im Bereich der Typografie noch gar nicht vorhanden ist.
Ich hoffe, dass diese Qualitäten anerkannt und als nützlich empfunden werden, weil sie im typografischen Panorama, und, noch wichtiger, in der Toolbox der Nutzer, eine Lücke schließen.

Anstatt typografische Probleme der Vergangenheit zu lösen‚ habe ich mich typografischen Herausforderungen der Zukunft gestellt …

Für welche Anwendungen (Poster, Text, Zeitungen, Werbung usw.) würden Sie Ihre Schrift empfehlen?
Ich habe PMN Caecilia Sans nicht speziell für Anwendungen – im Sinne eines Produkts – entworfen.
Vielmehr hatte ich beim Design eine bestimmte Nutzungsart vor Augen, wobei die Schrift an Umstände angepasst werden kann, die beim Lesen am Bildschirm eintreten können.
Anstatt typografische Probleme der Vergangenheit zu lösen, habe ich mich typografischen Herausforderungen der Zukunft gestellt, die im Zuge des technologischen Fortschritts unweigerlich auftreten werden.

Welche sind die einzigartigen Details, die diese Schrift Ihrer Meinung nach charakterisieren?
Auf auffällige Details wurde verzichtet, um ein harmonisches und natürliches Gesamtbild zu schaffen. Und ich hoffe, dass sich die Nutzer nicht allzu sehr auf die Details konzentrieren, sondern die Schrift schätzen, weil sie ihren Anforderungen gerecht wird und zusätzliche Eigenschaften bietet, an die sie zuvor möglicherweise noch gar nicht gedacht haben.

Aus welchem Grund haben Sie der Schrift diesen Namen gegeben und was bedeutet er?
Caecilia ist nach meiner Frau und besten Freundin Marie-Cécile benannt. PMN ist die Abkürzung für Peter Matthias Noordzij, mit der ich meine Arbeiten signiere.

Gibt es noch etwas, das Sie über Ihre Schrift gern sagen würden?
Nun, warten wir ab, wie die PMN Caecilia Sans aufgenommen wird. Probieren geht über Studieren. Wenn die Schriftfamilie von den Nutzern als willkommene Ergänzung aufgenommen wird, bin ich bereit, sie weiter auszubauen. Es gibt noch viele typografische Lücken zum Füllen.