Exklusiv-Interview mit Stefan Claudius

Exklusiv-Interview mit Stefan Claudius

   

Stefan Claudius wurde 1971 geboren, studierte in Essen und Wuppertal Design und arbeitet aktuell als Gestalter, Typograf und Hochschul-Dozent. Obwohl Claudius in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, bezeichnet er sich hin und wieder als Deutsch-Schweizer, um auf seine Staatsangehörigkeit hinzuweisen. Grund dafür ist Claudius Bewunderung des Schweizer Grafikdesigns, wo er „gerne ein bisschen dazu gehören möchte“. Weiter erklärt er: „Für mich schafft es die Schweizer Gestaltung im besten Falle, die Vorzüge der Holländer – das spielerisch-experimentelle – und die Vorzüge der Deutschen, wie Akribie und Reflektiertheit, miteinander zu verbinden.“ 2002 gründet der Diplomgrafikdesigner zusammen mit Thomas Schostok das Schriftlabel Cape Arcona, in dem die beiden Gestalter vor allem ihre eigenen Schriften anbieten. Als Scherz haben sie den Hauptsitz des Labels an den Strand des Fantasie-Staates Arcona gelegt und sich auch gleich noch zu Präsident und König des Landes gemacht. Alle Schriften des Labels sind auch bei Monotype erhältlich – hier erfahren Sie weitere Details zur Cape Arcona-Schriftbibliothek. Aber nicht alle Schriften von Stefan Claudius sind bei Cape Arcona erschienen. Zum Beispiel wird 2013 die gut ausgebaute Yalta Sans bei Monotype veröffentlicht. Mehr über diese Schriftfamilie können Sie in einem ausführlichen Fontbeitrag mit vielen Informationen und Anwendungsbeispielen erfahren.



Das Zeichnen von Schriften haben Sie autodidaktisch erlernt, dies ermöglicht sicher viele schöpferische Freiräume. Sehen Sie in einer derartigen Arbeitsweise Vor- und Nachteile, und wenn ja, welche?
Ich denke, dass man damit zunächst sicherlich erstmal eine größere gestalterische Freiheit genießt – man hat einfach noch nicht so viele Schranken im Kopf. Rückblickend würde ich allerdings sagen, dass ich diese Freiheit bei manchen frühen Schriften vielleicht etwas überstrapaziert habe, was im einen oder anderen Fall zu Lasten der Universalität der Schrift ging.
Lange habe ich mit der Furcht im Nacken gelebt, die studierten Schriftgestalter könnten irgend etwas wissen, was ich nicht weiß, und das könnte mir irgendwann zum Verhängnis werden. Mittlerweile sehe ich das sehr viel entspannter und tröste mich damit, dass einige der größten Typografen und Schriftgestalter Autodidakten waren – ich denke da an W. A. Dwiggins oder Stanley Morison.


In der Anfangsphase Ihres schriftkünstlerischen Schaffens haben Sie viel experimentiert und relativ einfache Bitmap-Fonts gestaltet, inzwischen entwerfen Sie eher komplexe, gut ausgebaute Textfamilien mit vielen Schnitten, Alternativzeichen, Kapitälchen usw.
War der Schritt hin zu anspruchsvolleren Designs von einer schnellen Entscheidung geprägt oder eher ein längerer Reifeprozeß?

Für mich bedeuteten diese frühen Schriften Experimente. Meist gab es eine recht konkrete Idee, oder Versuchsanordnung, wenn man so will. Daraus habe ich enorm viel gelernt. Ich kann mir übrigens vorstellen, dass diese Ebene des Lernens vielen studierten Schriftgestaltern fehlt. Sie werden ziemlich schnell darauf gedrillt, perfekte Schriften zu machen.

Eine Satzschrift verträgt halt nicht zu viel Eigenwilligkeit …

Im Laufe der Zeit verloren solche Schriften für mich allerdings ihren Reiz, weil sie einfach zu speziell waren, und ich die Herausforderung zunehmend in subtileren Bereichen der Typografie sah. Eine Satzschrift verträgt halt nicht zu viel Eigenwilligkeit. Sie entwickelt ihren Charakter nicht aus einem einzelnen Buchstaben heraus, sondern aus der Gesamtwirkung eines Schriftbildes. Dieses Gesamtbild zu gestalten ist sehr viel komplexer und anspruchsvoller als einzelne „coole“ Buchstaben in einem Displayfont zu zeichnen. Der umfassendere Ausbau der Schriften ist dann eher eine logische Konsequenz gewesen. Man will ja auch, dass die Schrift nachher für alle Anwendungsfälle gerüstet ist.


Gibt es Schriftdesigner oder andere Personen, die Sie künstlerisch inspirieren oder in denen Sie eventuell ein Vorbild sehen?
Bestimmte Persönlichkeiten, die mich künstlerisch inspiriert haben fallen mir spontan keine ein. Aber ich bin voller Bewunderung für die beiden Stempelschneider Pannartz und Sweynheim, die für mich die großen Pioniere beim Abstraktionsprozess von der handgeschriebenen Antiqua zur gedruckten waren. Sie müssten sich mal Druckbeispiele aus den 1470er Jahren ansehen. Da ist innerhalb weniger Jahre eine enorme Entwicklung zu sehen – mehrere Neufassungen ihrer Antiqua, die sich immer weiter von der reinen Imitation einer handgemachten Kalligrafie entfernen.

Ich habe eine große Schwäche für Unperfektion …

Was mich allerdings sehr wohl inspiriert ist, mir vordigitale Gestaltung anzuschauen. Insbesondere das 19. Jahrhundert ist voller Überraschungen. Es gibt Bücher in denen ein halbes Dutzend Schriftarten verwendet werden, alle dienen dazu irgendetwas auszuzeichnen und dennoch sieht das Resultat sehr raffiniert aus. Oder die Titelseiten, mit einem guten Dutzend Schriften – wunderbar! Aber auch die Schriften dieser Zeit gefallen mir besonders gut. Ich habe eine große Schwäche für Unperfektion. Der Satz, der Druck, die Lettern – alles war ein bisschen unperfekt. Im Zusammenspiel gibt das eine herrliche Atmosphäre.


Zu Ihren Design-Projekten gehören auch kundenspezifische Aufträge, bei denen Sie entsprechend der Wünsche Ihrer Auftraggeber Schriften erstellen – wie sehr erschweren derartige Vorgaben den gestalterischen Prozeß für Sie?
Ich empfinde das überhaupt nicht als belastend. Ich finde es ausgesprochen spannend, wenn ein Kunde mit konkreten Problemen oder spezifischen Wünschen kommt. Wenn man eine Schrift nur für sich macht, hat man zwar alle Freiheiten, aber mir macht es auch sehr großen Spaß konkrete Probleme zu lösen. Gemeinsam mit Thomas Schostok betreibe ich parallel zu Cape Arcona auch Capital, ein Customtype Studio in dem wir zum Beispiel Schriften für Kunden wie Deichmann oder Davidoff umgesetzt haben. Es können aber auch kleine Kunden spannend sein: Letztens kam ein Hersteller von Grabinschriften zu uns, dessen Anliegen es war, durch besseres Typedesign, den Arbeitsprozess für seine Angestellten zu vereinfachen und zu beschleunigen. Pro Schriftzug spart er nun zwischen 10 und 15 Minuten, und die Grabinschriften sehen auch noch besser aus als vorher. Ich würde mich freuen, wenn mehr Auftraggeber erkennen würden, welch lebenserleichterndes Potential in Schriften steckt.

Sie ist für die Square Sans-Schriften von heute so etwas wie die Syntax für die Grotesk-Schriften von damals …

Zusammen mit Thomas Schostok vertreiben Sie über die „Cape Arcona Type Foundry“ Ihre eigenen Schriften. Trotzdem haben Sie eine Ihrer neueren Schriftfamilien, die Yalta Sans, bei Monotype herausgegeben – was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Mein Gefühl war, dass Yalta nicht so recht in das Cape Arcona Sortiment passen würde. Sie ist für die Square Sans-Schriften von heute so etwas wie die Syntax für die Grotesk-Schriften von damals. Eine Schrift, die zwar ein eigenständiges Konzept, aber doch den Mainstream im Blick hat. Darum erschien mir Monotype eine gute Wahl. Außerdem wollte ich einmal sehen, welchen Unterschied es macht, ob eine Schrift bei einem großen oder einem kleinen Vertrieb erscheint. Wenn Monotype eine Schrift veröffentlicht, erfahren das halt ungleich mehr Menschen, als wenn Cape Arcona eine Schrift auf den Markt bringt. Vielleicht wird sich aber auch herausstellen, dass es gar keinen so großen Unterschied macht. Ich bin gespannt.


Die Cape Arcona Type Foundry wächst stetig und das Schriftenangebot ist vielseitig – von Sans-, Serif-, Script- bis hin zu Displayfonts ist alles vorhanden. Ändern sich Ihre Prioritäten oder kann man von einer persönlichen Weiterentwicklung sprechen? Oder entscheidet eher der Kundenwunsch darüber, in welcher Art Sie neue Schriften gestalten?
Vieles ist vom Zufall abhängig. Einige Schriften wie Oskar oder Postal sind zum Beispiel speziell für ein Projekt entstanden und wir haben sie danach noch soweit ausgebaut, dass man sie verkaufen kann, während es bei anderen am Anfang einfach eine spezielle Idee oder Inspiration gab. Trotzdem überlegen wir uns natürlich vorher, wie wir die Marktchancen einer Schrift einschätzen bevor wir uns die Arbeit machen, sie komplett umzusetzen. Allerdings muss ich zugeben, dass es mir bisher nicht gelungen ist den Kundengeschmack vorherzusagen. Einerseits macht das die Sache immer wieder spannend, andererseits wäre es natürlich toll, wenn man genau wüsste, was man machen muss um eine Schrift auf den Markt zu bringen, die ein Bestseller wird.


Sie sind nicht nur als Schriftendesigner tätig, sondern unterrichten auch an verschiedenen Hochschulen Typografie und Schriftgestaltung. Wie verändert das Lehren und der Umgang mit jungen, sich in der Ausbildung befindenden Designern Ihre eigene Sicht auf die kreative Erstellung von Schriften?
Ich mag den Austausch mit den Studenten sehr, ich freue mich, durch ihre Augen einen anderen als den eigenen Blick auf die Welt des Grafikdesigns werfen zu können. Das ist ein großes Glück, denn man neigt ja sonst oft dazu, die eigene Weltsicht für die einzig mögliche zu halten.

…ich hege eine große Bewunderung für die Errungenschaften unserer Vorgänger …

Gibt es bestimmte Grundsätze oder Erfahrungswerte, die Sie Ihren Studenten vermitteln wollen?
Ich versuche zu vermitteln, dass es bei den meisten Gestaltungen nicht die eine geniale Idee gibt, sondern dass Gestaltung in der Regel einfach ein langer arbeitsintensiver Prozess ist, der zwar auch Ideen braucht, aber dass auch die beste Idee nichts nützt, wenn dann die Umsetzung nicht gut ist. Wenn man das verstanden hat, kann man an viele Projekte unverkrampfter herangehen, weil man dann nicht mehr die ganze Zeit denkt: „Ich muss jetzt unbedingt eine geniale Idee haben.“ Außerdem hege ich eine große Bewunderung für die Errungenschaften unserer Vorgänger. Design, dass auf uns heute altbacken wirkt, kann zu seiner Zeit revolutionär gewesen sein. Ganz allgemein sollte man sich glaube ich vor voreiligen Schlüssen hüten – ich hoffe, dass ich das ebenfalls vermitteln kann.


Sind Sie auch im Bereich der Kalligraphie tätig?
Ich habe zwar ein bisschen Kalligrafie geübt, um das meinen Studenten auch beibringen zu können, aber ich bin auf dem Gebiet definitiv kein Meister und bewundere die Menschen, die das gut können.

Wie könnte eine Yalta Serif aussehen? …

Gibt es ein Gebiet im Bereich Schriftdesign, das Sie noch ausprobieren möchten oder in dem Sie gern einmal experimentieren würden?
Mir schwebt eine riesige Schriftsippe vor, die die wichtigsten Schriftgestaltungstrends des 19. Jahrhunderts abbildet – von der klassizistischen Schrift über die Scotch Romans, die Serifenbetonten und die Italiennes bis zu den Groteskschriften. Alles soll zusammen passen und sich untereinander mischen lassen. Das wäre mein Traum. Aber wesentlich realistischer sind für mich Fragestellungen wie: „Wie könnte eine Yalta Serif aussehen?“ Oder: „Wie könnte eine neue klassizistische Schrift im Jahre 2014 aussehen?“ Oder: „Wie kriegt man es hin, eine Italienne zu gestalten, die nicht bescheuert aussieht?“ Es gibt noch so viel zu tun …


Welche weiteren beruflichen und privaten Interessen und Passionen haben Sie außerhalb des Bereichs Typografie und Schriftgestaltung?
Wie Sie schon angedeutet haben, ich bin nicht nur Schriftgestalter. Ich liebe Corporate Design und Bücher, beides kann ich in meinem Büro Sichtvermerk machen. Außerdem spiele ich Gitarre in der Band Volvopenta, stilistisch so eine Art Post-Krautrock.