Adrian Frutiger

Adrian Frutiger

Nachruf auf Adrian Frutiger

Der weltweit anerkannte und renommierte Schweizer Schriftdesigner Adrian Frutiger verstarb am 10. September 2015 im Alter von 87 Jahren. Den Schöpfer vieler international bekannter und beliebter Schriften wie Avenir, Frutiger, Univers und Vectora verband über Jahrzehnte hinweg eine enge geschäftliche und persönliche Beziehung zur D. Stempel AG, der späteren Linotype AG und heutigen Monotype GmbH.
Lesen Sie unseren Nachruf, verfaßt von Dr. Walter Greisner, ehemals Geschäftsführer der Bauerschen Gießerei und Vorstandsvorsitzender der D. Stempel AG, der mit Adrian Frutiger nicht nur durch jahrzehntelange geschäftliche Beziehungen, sondern darüber hinaus auch lebenslang freundschaftlich verbunden war.
Adrian Frutiger, einer der bedeutendsten Schriftkünstler unserer Zeit, ist im Alter von 87 in Bremgarten bei Bern am 10. September 2015 gestorben. Seine Schriften begegnen Lesern täglich, in der Medienwelt gilt sein Name den Schriftanwendern und Grafikdesignern gleich einem großen Markenzeichen.

Geboren wurde Adrian Frutiger 1928 in dem kleinen schweizerischen Dorf Unterseen bei Interlaken. Aus der Enge seines heimatlichen Tals, das den Blick nach Norden mit dem Berner Oberland und gen Süden durch Eiger, Mönch und Jungfrau begrenzt, gelang es ihm, schon früh auszubrechen. Im benachbarten Interlaken erlernte er das ehrbare Handwerk des Schriftsetzers, ohne zu ahnen, dass er bald zu denen gehören würde, die den von Gutenberg (1450) erfundenen Handsatz mit beweglichen Blei-Lettern durch Computer ablösen würde.

Die Schriftsetzerlehre gab ihm das Rüstzeug und die Grundlagen für sein künstlerisches Schaffen, und sie ebnete ihm den Weg in die Welt. Nach seinem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich, vornehmlich ausgebildet von Alfred Willimann und Walter Käch, zog es ihn bereits 1952 nach Paris.

Die bedeutende Schriftgießerei Deberny & Peignot nahm Adrian Frutiger dort als Schriftzeichner auf. Charles Peignot, Mitinhaber und Directeur Général von Deberny & Peignot, erkannte alsbald sein künstlerisches Talent, so dass er ihm die Chance gab, für Deberny & Peignot neue Bleisatzschriften zu entwerfen (1952 Président, 1953 Phoebus und 1954 Ondine); als erste große Werksatzschrift folgte die Méridien, 1957. (Die Méridien wurde 1985 auch die Hausschrift der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/Main, für die Adrian Frutiger ein modernes Erscheinungsbild gestaltete.)

Peignot machte ihn auch vertraut mit der in Amerika in Entwicklung befindlichen ersten Fotosetzmaschine, namens „Lumitype“, an der er, Peignot, finanziell beteiligt war. Adrian Frutiger, der die seltene Begabung besaß, technische Dinge mit dem Künstlerischen zu verbinden, nahm die große Aufgabe wahr, neue Schriften auch für die Anwendung auf dem sich rasch entwickelnden Gebiet des Fotosatzes zu gestalten, sowie aus dem vorhandenen Schriftenschatz der Schriftgießerei die den Lesern vertrauten alten Schriften für den Fotosatz kompatibel umzusetzen.

Für die Lumitype entwarf er als erste Schrift die Egyptienne. Mit den hierbei gewonnenen Erfahrungen machte er sich an die Entwicklung einer neuen, serifenlosen Schriftfamilie. Während Schriftgießereien ihre Bleisatzschriften seit Jahrhunderten üblicherweise nur in drei Garnituren herausbrachten, und zwar mager, halbfett und kursiv, sprengte Adrian Frutiger den Rahmen. Er legte Charles Peignot den Entwurf einer neuen Schrift namens Univers mit damals 21 Garnituren vor. Peignot erkannte, dass er mit diesem genialen Entwurf den richtigen Schritt in die Neuzeit des Fotosatzes setzen würde. Adrian Frutiger erhielt von seinem Patron das Placet, den Entwurf der Univers für die Lumitype-Fotosetzmaschine umzusetzen. (Inzwischen hat Adrian Frutiger die Univers zusammen mit dem Linotype Design Studio auf mehr als 40 Garnituren, oder Schnitte, wie man ebenfalls zu sagen pflegt, erweitert.)

Peignot zögerte anfangs, für den Bleisatz gleichzeitig das gesamte Konzept der Univers zu übernehmen. Gegenüber dem Fotosatz waren beim Bleisatz die Herstellkosten unvergleichlich höher und die Herstellzeiten bedeutend länger. Als der Markt die ersten Garnituren mit Begeisterung aufnahm, ging er das Risiko ein, die Univers auch noch im Bleisatz groß herauszubringen. Sie fand beispielsweise sogleich Anwendung in der Werbung, bei Industriefirmen, den Olympischen Spielen in München sowie im Verlagswesen.

Die Univers entwickelte sich zu einer Erfolgsschrift, denn sie entsprach vollkommen dem modernen Zeitgeist.

Adrian Frutigers Ruf als Schriftexperte brachte ihn mit IBM zusammen, als es dort darum ging, Bleisatzschriften für die neuen Schreibsysteme mit dem „Kugelkopf“ zu übernehmen. Ich selbst nahm als Repräsentant der Bauerschen Gießerei in Frankfurt ebenfalls Verbindung zu Adrian Frutiger auf; den Kontakt vermittelte der gemeinsame Freund Max Caflisch. Adrian Frutiger entwarf daraufhin für Bauer eine völlig neuartige, serifenbetonte Schrift namens Serifa.

Als ich 1967 in den Vorstand der Schriftgießerei D. Stempel AG, Frankfurt wechselte, sicherte ich die weitere Zusammenarbeit mit Adrian Frutiger. Ich baute bei Stempel die Entwicklung und Herstellung von Schriftträgern für den Foto- und Digitalsatz neuer Maschinen aus dem Mergenthaler Linotype-Konzern zügig auf. Während Stempel das umfangreiche, auf dem grafischen Markt sehr bekannte eigene Schriftenpotenzial für die neuen Digital-Systeme kompatibel umgestaltete, entwarf Adrian Frutiger aufgrund seiner Kreativität eine Vielzahl neuartiger Schriften, die das gesamte Verkaufsprogramm erfolgreich ergänzten. In über 40 Jahren arbeitete Adrian Frutiger sehr eng mit den Fachkräften von Stempel und der Linotype zusammen. Die wohl bekannteste und zudem in der Welt bisher am meisten verbreitete neue Schrift trägt daher auch stolz seinen Namen „Frutiger“.

Sicherlich wird die Frutiger ihren Bestand und Namen beibehalten, etwa vergleichbar mit den seit Jahrhunderten immer noch verwendeten edlen Schriften Janson, Garamond, Bodoni, Baskerville.

Im Laufe der Zeit entwarf Adrian Frutiger die für ein Künstlerleben beachtliche Anzahl von ca. 40 Akzidenz- und Werksatzschriften, ferner eine Reihe sogenannter Signalisationsschriften und außerdem einige Hausschriften für Firmen, die nur sie exklusiv verwenden.

Die Begabung Adrian Frutigers, immer wieder etwas Neues zu schaffen, hat vielen jungen Leuten Mut gemacht, sich ebenfalls mit dem Entwerfen von Schriften intensiv zu beschäftigen. Auf vielen Veranstaltungen, an denen Adrian Frutiger teilnahm, wurde er stets von jungen Designern umringt, die ihm ihre Entwürfe vorlegten; geduldig gab er ihnen dazu neben Korrekturen gezielte Hinweise und Ratschläge. Adrian Frutiger wusste, wie wegweisend solche Hilfen von jungen Designern aufgenommen wurden, hatte er doch selbst in seiner Jugend von seinen Lehrern profitiert. Sein Wissen hielt er nicht zurück. Obwohl er gerade in jungen Jahren beruflich stark belastet war, erklärte er sich schon früh bereit, nebenberuflich in Paris an bedeutenden Akademien zu lehren. Auch später wurde Adrian Frutiger immer wieder gefragt, Beiträge zu liefern und auf internationalen Kongressen Vorträge zu halten. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen mit von ihm entworfenen Zeichnungen und Illustrationen ist zudem sehr beachtlich.

Adrian Frutiger wurde für sein künstlerisches Schaffen in der Schweiz, Frankreich, USA, Kanada und Deutschland mit hohen Auszeichnungen geehrt. Als er in Mainz 1986 den Gutenbergpreis erhielt, erwähnte er in seiner Dankesrede ein Erlebnis, das ihn ebenfalls stark berührte. In der Universität der heiligen Stadt Benares (Indien) fühlte er sich hoch ausgezeichnet ohne Orden und Urkunde. Er hatte im Auftrag des indischen Design Instituts eine neugestaltete Devanagari-Schrift für das moderne Satz- und Druckverfahren entworfen. Hierbei kam es ihm darauf an, die geheiligten Schriftzeichen zu vereinfachen, ohne dabei deren uralten kalligraphischen Ausdruck zu beeinträchtigen. Während Frutiger erwartungsvoll auf dem kühlen Fußboden eines hochgewölbten Raumes der Universität saß, umgeben von hohen geistlichen Würdenträgern im feierlichen Ornat, hatten „weise Männer“ seine ersten Proben lange betrachtet und darüber beraten. Schließlich sprachen sie ihr Urteil aus: sie „billigten“ seinen Entwurf der neuen Devanagari und sahen darin keine „Entheiligung von etwas für sie Sakralem“.

Adrian Frutiger war zeit seines Lebens ein bescheidener Mann, ein Künstler, der bis vor wenigen Jahren unermüdlich gestaltete und Neues, stets mit einem „ästhetischen Überschuß“ geschaffen hatte. Nach 40 Jahren Paris, wo er sein Atelier unterhalten hatte, kehrte er 1992 mit seiner Frau Simone zurück in die Schweiz. In dem Dorf Bremgarten bei Bern hatten sie beide ein Haus gebaut, in dem sie in Ruhe ihren beruflichen Interessen nachgehen konnten, sie als Theologin in einem zweckmäßigen Arbeitszimmer, er als Designer in einem geräumigen Atelier.

Sein Sohn Stefan aus erster Ehe lebt als erfolgreicher Gastronom mit seiner großen Familie in Genf. Ihren steten Schmerz, den Simone und Adrian Frutiger über den tragischen Tod ihrer beiden Töchter mit sich trugen, hatte sie veranlasst, ihr wesentliches Vermögen einer schweizerischen Stiftung zu überragen, um jungen, suizidgefährdeten Menschen zu helfen.

In den letzten Jahren lebte Adrian Frutiger in einem Altersheim in Bremgarten; seine Frau war bereits einige Jahre zuvor gestorben. Von seinem karg ausgestatteten Zimmer im ersten Stock schaute er gern auf einen vor seinem Fenster im Garten stehenden alten Baum. Im Herbst, wenn dieser Baum seine Blätter abwirft, erinnert dieser an ein von Adrian Frutiger in Blei geschnittenes Symbol eines mächtigen Lebensbaumes, den er 1980 der Haas’schen Schriftgießerei in Münchenstein bei Basel zu ihrem 400-jährigen Jubiläum stiftete.

Walter Greisner Vorstandsvorsitzender der D. Stempel AG
Lesen Sie hier unser Online-Beiträge zu Adrian Frutiger:

Der 80. Geburtstag von Adrian Frutiger (Mai 2008)
Wengi/Büren, Schweiz – Linotype richtete die Feierlichkeiten für den 80. Geburtstag von Adrian Frutiger aus.

Fotogalerie: Adrian Frutiger und Linotype (Mai 2008)
Adrian Frutiger arbeitet seit Jahrzehnten eng mit Linotype zusammen. In den vielen Jahren seiner wertvollen Mitarbeit sind zahlreiche Fotos von Adrian Frutiger entstanden.

Type – Adapted to Everyday Life
von Klaus-Peter Nicolay (November 2004)
Typografie als die höchste Form der visuellen Kommunikation. Ein Gespräch mit Adrian Frutiger.

Die Geschichte der linearen, serifenlosen Schriften (Juli 2004)
Der berühmte Schriftkünstler Adrian Frutiger ist der Autor dieses spannenden Essays über die Geschichte und Entwicklung der serifenlosen Linearantiqua.

Schriftdesigner Adrian Frutiger (April 2003)
„Im Blei habe ich die Schrift und ihre Fähigkeit, mit immer denselben Lettern die ganze geistige Welt lesbar werden zu lassen, zuerst erlebt…“

Adrian Frutiger: Forms and Counterforms (Februar 2002)
Eine Ausstellung im Gutenberg-Museum Mainz.

Adrian Frutiger – Spuren (Juni 2000)
Dieses Feature bietet etwas ganz Besonderes – eine Darstellung der wichtigsten Entwicklungen im privaten und künstlerischen Leben von Adrian Frutiger.

Geburtstag von Adrian Frutiger (Juni 1998)
Heidelberg, Deutschland – Linotype veranstaltete am 18. Juni eine spezielle Geburtstagsparty für Adrian Frutiger.