Stefan Claudius
Interview mit Stefan Claudius
Wie haben Sie Ihre Liebe zum Schriftdesign entdeckt?
So genau lässt sich das natürlich nicht sagen, aber ich habe schon in der Schule in den Kästchen der Schulhefte Buchstaben konstruiert. Ich denke das war der Anfang. Mein erster Computer, ein Atari ST, verfügte über ein wunderbares kleines Programm, mit dem ich viel Zeit verbrachte: Es gab einen Schrifteneditor, in dem man in sehr geringer Auflösung Bitmap-Buchstaben zeichnen konnte. Ab dann druckte ich alles nur noch in meinen eigenen – wahrscheinlich oft eher schlecht lesbaren – Schriften aus. Ich war von dem Gefühl begeistert etwas gestalten zu können, von dem ich bisher angenommen hatte, es entziehe sich der Gestaltbarkeit. Schriften werden von vielen Anwendern ja als gegeben hingenommen. Ich denke es ist einfach Ausdruck einer Haltung, die mich immer begleitet hat – nichts als gegeben zu betrachten und am liebsten alles selbst machen zu wollen. So träume ich zum Beispiel auch davon ein eigenes Besteck zu gestalten, und irgendwann auch mal einen Stuhl.
Wie viele Schriften haben Sie bis heute schon gestaltet?
Das ist eine schwer zu beantwortende Frage: Was zählt als Schrift – jeder Font oder nur jede Schriftfamilie? Wenn ich nach Familien gehe, sind es so um die 40. Aber in meinen Anfängen habe ich viel experimiertiert und diese Experimente als Freefonts veröffentlicht. Da war es natürlich einfach, viele Schriften zu produzieren. Seit einigen Jahren arbeite ich überwiegend an Textschriften mit zum Teil sehr vielen Schnitten – da komme ich nach kurzem Überlegen lediglich auf sieben.
Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung oder üben Sie noch andere Tätigkeiten aus?
Auch wenn es durch Customtype-Jobs immer mal wieder vorkommt, dass eine gewisse Zeitlang Typedesign meine Hauptbeschäftigung darstellt, so bin ich doch den größeren Teil der Zeit Typograf und Grafikdesigner. Zusammen mit Kathrin Roussel leite ich das Büro Sichtvermerk, in dem wir Corporate Designs, Bücher und andere vorwiegend gedruckte Medien entwickeln.
Die ersten Anfänge der Yalta Sans gehen auf das Jahr 2005 zurück. Damals war ich noch etwas anfälliger für die Faszination, die gewisse Formspielereien mit sich bringen. Heute arbeite ich so eigentlich gar nicht mehr – also in dem Sinne, dass ich etwas skizziere und denke: Das sieht aber toll aus, da muss ich eine Schrift draus machen. Damals faszinierte mich die Frage, was man mit sich verjüngenden Strichen in einer Groteskschrift machen könnte. Außerdem begann ich subtile Strichstärkenkontraste einzubauen – nicht so offensichtlich wie in der Optima, sondern so, dass man es nicht sehen, sondern nur fühlen sollte. Ich wollte schauen, wohin das führt. Oft ist meine Arbeit ein Erforschen, ein Auskundschaften von dem was passieren kann – in gewisser Weise ist jede Schrift eine Versuchsanordnung.
Was hat Sie beim Design Ihrer Schrift beeinflusst? (Vorlagen, Vorbilder …)
Ich weiß noch, wie ich ein wenig enttäuscht war, als die ersten Square Sans Schriften auf den Markt kamen, und ich das Gefühl hatte, mit meiner Idee zu spät gekommen zu sein. Trotzdem habe ich mir dann natürlich Schriften wie Apex und Sanuk genauer angeguckt. Besonders die Arbeiten von Xavier Duprée (Gestalter von Schriften wie Sanuk. Vista und Absara) beeindruckten mich damals und ich schickte ihm Entwürfe. Seine Kommentare waren für mich sehr hilfreich, zeigten mir aber auch, wie sehr persönliche Vorlieben unser Arbeiten beeinflussen.
Beim Entwurf von Yalta Sans habe ich noch sehr viel mit der Hand gezeichnet. Später habe ich dann häufiger mit einer Breitfeder kalligrafiert – nicht um damit Buchstaben für die Schrift zu erzeugen, sondern um ein besseres Gefühl für den Duktus von dick zu dünn zu bekommen, der für mich bei der Yalta Sans sehr wichtig war.
Was war für Sie die größte Herausforderung während Sie an Ihrer Schrift arbeiteten?
Das schwerste war, die Sache überhaupt zu Ende zu bringen. Als ich die Schrift Linotype vorstellte, dachte, ich sie wäre eigentlich fast fertig. Bei Gesprächen stellte sich dann heraus, dass es mehr Zwischengewichte geben sollte, und dass die Schrift über den Verlauf der Gewichte homogener werden müsste. Vorher war die Schrift eher organisch gewachsen – ein Gewicht kam zum nächsten. Ich musste nach diesem Treffen also alle Schnitte zwischen Light und Extrabold neu interpolieren, und auch die gesamte Kursive darauf hin neu aufbauen. Zum Glück hatte ich eine Weile Unterstützung von Steven Wulf, einem sehr talentierten, vielversprechenden Typedesigner, der damals bei mir ein Praktikum machte. Dennoch verursachten die vielen Schnitte, die echte Kursive, die Kapitälchen und die alternativen Großbuchstaben der Kursiven in der Summe natürlich eine riesige Menge Arbeit.
Von den ersten Skizzen bis zur Veröffentlichung sind ja fast acht Jahre vergangen. Ein ziemlich langer Zeitraum …
Zum Glück ist Typografie kein so schnellebiges Geschäft – auch wenn es natürlich Moden gibt. Ich denke der positive Aspekt ist, dass ich zusammen mit der Schrift reifer geworden bin. Durch längere Pausen in der Arbeit konnte ich immer wieder einen neuen kritischen Blick auf sie werfen und die Gefahr, etwas aus einer spontanen Begeisterung heraus zu machen, was man rückblickend bereuen könnte ist dadurch sicherlich minimiert worden.
Bei der Yalta Sans wollte ich die Wärme und Geschmeidigkeit einer humanistischen Schrift mit der Klarheit einer Grotesken und der Geometrie einer Square Sans vereinen. Die unterschwelligen Strichstärkenunterschiede und die Verjüngungen geben dem ganzen einen subtil kalligrafischen Charakter. Die schrägen Strichabschlüsse und die offenen Formen stellen eine Reminiszenz an dynamische Groteske wie die Syntax dar, währen die starke Betonung der Waagrechten und das fast völlige Fehlen von Einläufen der Schrift etwas technisch, geradliniges gibt. Durch die Betonung der Waagrechten und die sehr offenen Formen entwickelt die Schrift eine besonders gute Zeilenbildung und ist in kleinen Grade so gut lesbar, dass ich selbst immer wieder verblüfft bin, wie angenehm sie wirkt. Insgesamt ist Yalta Sans eine eigenwillige Mischung die man am besten als humanistische Technizität beschreiben könnte.
Ein kleines aber feines Feature sind die alternativen Großbuchstaben in der Kursiven. Sie haben kleine An- und Abstriche und Kombination mit den Kleinbuchstaben wird hier am deutlichsten, dass die Italic nicht einfach eine schräggestellte Aufrechte ist, sondern einen wirklich kursiven Charakter hat. Außerdem sind die Kapitälchen ein schöner Bonus, den nicht viele Groteskschriften haben. Ich verwende Kapitälchen nicht gerne zusammen mit Versalien, aber ich finde, dass sie durch ihre breiteren Proportionen eine interessante Alternative für gewisse typografische Situationen darstellen.
Für welche Art von Anwendung sehen Sie Ihre Schrift am geeignetsten? (Text, Zeitungen, Display, Headlines, Poster, Bücher, Bildschirmdesign, Corporate Identity usw.)
Nach meinem Gefühl eignet sich die Schrift am besten für Corporate Designs. Ihr Charakter ist so eigenständig, dass er gut ein Corporate Design tragen kann. Auf der anderen Seite ist die Schrift so flexibel, dass man sie für alle Medien gleichermaßen nutzen kann – vor allem am Bildschirm sieht sie sehr gut aus wie ich finde. Durch die große Bandbreite an Strichstärken funktioniert die Schrift auch gut alleine, das heißt man muss sie nicht mit einer anderen Schrift mischen um sie interessant zu machen, sondern kann einfach auf unterschiedliche Gewichte zurückgreifen. Da Einfachheit bei einem Corporate Design das A und O ist, bietet es sich an, gut ausgebaute Schriften wie die Yalta Sans zu nehmen. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, das sie Werte transportiert, die vielen Unternehmen wichtig sind: Menschlichkeit und Technik-Affinität.
Eigentlich sollte die Schrift erst Poly Sans und dann Plural Sans heißen, aber dann gab es schon andere Schriften die so oder ähnlich hießen. Mir war wichtig, mit dem Namen auszudrücken, dass in der Schrift unterschiedliche Kräfte wirken – einerseits die Geometrie und andererseits der Humanismus. Deshalb beziehe ich mich mit dem Namen auf die Konferenz von Jalta (Yalta auf Englisch) in der sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Alliierten zusammensetzten um über die Aufteilung Deutschlands und – wenn man so will – über die Neuordnung der Welt zu verhandeln. Auch da mussten widerstrebendste Vorstellungen unter einen Hut gebracht werden. Schade ist natürlich, dass die Schrift in allen Menüs immer ganz unten stehen wird – ich hoffe sie wird trotzdem gefunden und genutzt werden.
Sie haben seit 2007 an verschiedenen Hochschulen Typografie und Schrift unterrichtet. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Durch das Unterrichten hat sich mein theoretischer Horizont stark erweitert. Dinge, die ich vorher vielleicht nur ungefähr wusste, musste ich nun nachlesen, um den Studierenden nichts falsches zu erzählen. Und jedes Buch enthielt ja wieder Verweise auf andere Bücher, so dass meine Bibliothek im Büro rasch wuchs. Die vielen Bücher haben mir sehr gut getan. Da ich Autodidakt bin, lebte ich vorher in der ständigen Angst, irgend etwas nicht zu wissen. Heute fühle ich mich da sehr entspannt und einigermaßen sicher.
In ihrer Biografie steht, dass sie Deutsch-Schweizer sind, man hört aber keinerlei Dialekt.
Ja, da haben Sie mich ertappt. Tatsächlich bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen und bis auf zahlreiche Besuche lediglich auf dem Papier Schweizer. Aber ich schätze das Schweizer Grafikdesign so sehr, dass ich da gerne ein kleines bisschen dazu gehören würde. Für mich schafft es die Schweizer Gestaltung im besten Falle die Vorzüge der Holländer – das spielerisch-experimentelle – und die Vorzüge der Deutschen, wie Akribie und Reflektiertheit, miteinander zu verbinden. In diesem Sinne möchte ich wahrscheinlich über den Hinweis auf die Herkunft ausdrücken, dass mir sowohl Spielfreude, wie auch Grübeln wichtig sind.
So genau lässt sich das natürlich nicht sagen, aber ich habe schon in der Schule in den Kästchen der Schulhefte Buchstaben konstruiert. Ich denke das war der Anfang. Mein erster Computer, ein Atari ST, verfügte über ein wunderbares kleines Programm, mit dem ich viel Zeit verbrachte: Es gab einen Schrifteneditor, in dem man in sehr geringer Auflösung Bitmap-Buchstaben zeichnen konnte. Ab dann druckte ich alles nur noch in meinen eigenen – wahrscheinlich oft eher schlecht lesbaren – Schriften aus. Ich war von dem Gefühl begeistert etwas gestalten zu können, von dem ich bisher angenommen hatte, es entziehe sich der Gestaltbarkeit. Schriften werden von vielen Anwendern ja als gegeben hingenommen. Ich denke es ist einfach Ausdruck einer Haltung, die mich immer begleitet hat – nichts als gegeben zu betrachten und am liebsten alles selbst machen zu wollen. So träume ich zum Beispiel auch davon ein eigenes Besteck zu gestalten, und irgendwann auch mal einen Stuhl.
Wie viele Schriften haben Sie bis heute schon gestaltet?
Das ist eine schwer zu beantwortende Frage: Was zählt als Schrift – jeder Font oder nur jede Schriftfamilie? Wenn ich nach Familien gehe, sind es so um die 40. Aber in meinen Anfängen habe ich viel experimiertiert und diese Experimente als Freefonts veröffentlicht. Da war es natürlich einfach, viele Schriften zu produzieren. Seit einigen Jahren arbeite ich überwiegend an Textschriften mit zum Teil sehr vielen Schnitten – da komme ich nach kurzem Überlegen lediglich auf sieben.
Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung oder üben Sie noch andere Tätigkeiten aus?
Auch wenn es durch Customtype-Jobs immer mal wieder vorkommt, dass eine gewisse Zeitlang Typedesign meine Hauptbeschäftigung darstellt, so bin ich doch den größeren Teil der Zeit Typograf und Grafikdesigner. Zusammen mit Kathrin Roussel leite ich das Büro Sichtvermerk, in dem wir Corporate Designs, Bücher und andere vorwiegend gedruckte Medien entwickeln.
Oft ist meine Arbeit ein Erforschen‚ ein Auskundschaften von dem‚ was passieren kann …
Was hat Sie zum Design Ihrer Schrift bewogen?Die ersten Anfänge der Yalta Sans gehen auf das Jahr 2005 zurück. Damals war ich noch etwas anfälliger für die Faszination, die gewisse Formspielereien mit sich bringen. Heute arbeite ich so eigentlich gar nicht mehr – also in dem Sinne, dass ich etwas skizziere und denke: Das sieht aber toll aus, da muss ich eine Schrift draus machen. Damals faszinierte mich die Frage, was man mit sich verjüngenden Strichen in einer Groteskschrift machen könnte. Außerdem begann ich subtile Strichstärkenkontraste einzubauen – nicht so offensichtlich wie in der Optima, sondern so, dass man es nicht sehen, sondern nur fühlen sollte. Ich wollte schauen, wohin das führt. Oft ist meine Arbeit ein Erforschen, ein Auskundschaften von dem was passieren kann – in gewisser Weise ist jede Schrift eine Versuchsanordnung.
Was hat Sie beim Design Ihrer Schrift beeinflusst? (Vorlagen, Vorbilder …)
Ich weiß noch, wie ich ein wenig enttäuscht war, als die ersten Square Sans Schriften auf den Markt kamen, und ich das Gefühl hatte, mit meiner Idee zu spät gekommen zu sein. Trotzdem habe ich mir dann natürlich Schriften wie Apex und Sanuk genauer angeguckt. Besonders die Arbeiten von Xavier Duprée (Gestalter von Schriften wie Sanuk. Vista und Absara) beeindruckten mich damals und ich schickte ihm Entwürfe. Seine Kommentare waren für mich sehr hilfreich, zeigten mir aber auch, wie sehr persönliche Vorlieben unser Arbeiten beeinflussen.
Beim Entwurf von Yalta Sans habe ich noch sehr viel mit der Hand gezeichnet …
Welche Techniken haben Sie zum Design Ihrer Schrift benutzt? (Schreibwerkzeuge usw.)?Beim Entwurf von Yalta Sans habe ich noch sehr viel mit der Hand gezeichnet. Später habe ich dann häufiger mit einer Breitfeder kalligrafiert – nicht um damit Buchstaben für die Schrift zu erzeugen, sondern um ein besseres Gefühl für den Duktus von dick zu dünn zu bekommen, der für mich bei der Yalta Sans sehr wichtig war.
Was war für Sie die größte Herausforderung während Sie an Ihrer Schrift arbeiteten?
Das schwerste war, die Sache überhaupt zu Ende zu bringen. Als ich die Schrift Linotype vorstellte, dachte, ich sie wäre eigentlich fast fertig. Bei Gesprächen stellte sich dann heraus, dass es mehr Zwischengewichte geben sollte, und dass die Schrift über den Verlauf der Gewichte homogener werden müsste. Vorher war die Schrift eher organisch gewachsen – ein Gewicht kam zum nächsten. Ich musste nach diesem Treffen also alle Schnitte zwischen Light und Extrabold neu interpolieren, und auch die gesamte Kursive darauf hin neu aufbauen. Zum Glück hatte ich eine Weile Unterstützung von Steven Wulf, einem sehr talentierten, vielversprechenden Typedesigner, der damals bei mir ein Praktikum machte. Dennoch verursachten die vielen Schnitte, die echte Kursive, die Kapitälchen und die alternativen Großbuchstaben der Kursiven in der Summe natürlich eine riesige Menge Arbeit.
Von den ersten Skizzen bis zur Veröffentlichung sind ja fast acht Jahre vergangen. Ein ziemlich langer Zeitraum …
Zum Glück ist Typografie kein so schnellebiges Geschäft – auch wenn es natürlich Moden gibt. Ich denke der positive Aspekt ist, dass ich zusammen mit der Schrift reifer geworden bin. Durch längere Pausen in der Arbeit konnte ich immer wieder einen neuen kritischen Blick auf sie werfen und die Gefahr, etwas aus einer spontanen Begeisterung heraus zu machen, was man rückblickend bereuen könnte ist dadurch sicherlich minimiert worden.
Insgesamt ist Yalta Sans eine eigenwillige Mischung‚ die man am besten als humanistische Technizität beschreiben könnte …
Beschreiben Sie Anmutung und den Charakter Ihrer Schrift …Bei der Yalta Sans wollte ich die Wärme und Geschmeidigkeit einer humanistischen Schrift mit der Klarheit einer Grotesken und der Geometrie einer Square Sans vereinen. Die unterschwelligen Strichstärkenunterschiede und die Verjüngungen geben dem ganzen einen subtil kalligrafischen Charakter. Die schrägen Strichabschlüsse und die offenen Formen stellen eine Reminiszenz an dynamische Groteske wie die Syntax dar, währen die starke Betonung der Waagrechten und das fast völlige Fehlen von Einläufen der Schrift etwas technisch, geradliniges gibt. Durch die Betonung der Waagrechten und die sehr offenen Formen entwickelt die Schrift eine besonders gute Zeilenbildung und ist in kleinen Grade so gut lesbar, dass ich selbst immer wieder verblüfft bin, wie angenehm sie wirkt. Insgesamt ist Yalta Sans eine eigenwillige Mischung die man am besten als humanistische Technizität beschreiben könnte.
Ein kleines aber feines Feature sind die alternativen Großbuchstaben in der Kursiven …
Gibt es Besonderheiten der Schrift, die herausgestellt werden sollten?Ein kleines aber feines Feature sind die alternativen Großbuchstaben in der Kursiven. Sie haben kleine An- und Abstriche und Kombination mit den Kleinbuchstaben wird hier am deutlichsten, dass die Italic nicht einfach eine schräggestellte Aufrechte ist, sondern einen wirklich kursiven Charakter hat. Außerdem sind die Kapitälchen ein schöner Bonus, den nicht viele Groteskschriften haben. Ich verwende Kapitälchen nicht gerne zusammen mit Versalien, aber ich finde, dass sie durch ihre breiteren Proportionen eine interessante Alternative für gewisse typografische Situationen darstellen.
Für welche Art von Anwendung sehen Sie Ihre Schrift am geeignetsten? (Text, Zeitungen, Display, Headlines, Poster, Bücher, Bildschirmdesign, Corporate Identity usw.)
Nach meinem Gefühl eignet sich die Schrift am besten für Corporate Designs. Ihr Charakter ist so eigenständig, dass er gut ein Corporate Design tragen kann. Auf der anderen Seite ist die Schrift so flexibel, dass man sie für alle Medien gleichermaßen nutzen kann – vor allem am Bildschirm sieht sie sehr gut aus wie ich finde. Durch die große Bandbreite an Strichstärken funktioniert die Schrift auch gut alleine, das heißt man muss sie nicht mit einer anderen Schrift mischen um sie interessant zu machen, sondern kann einfach auf unterschiedliche Gewichte zurückgreifen. Da Einfachheit bei einem Corporate Design das A und O ist, bietet es sich an, gut ausgebaute Schriften wie die Yalta Sans zu nehmen. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, das sie Werte transportiert, die vielen Unternehmen wichtig sind: Menschlichkeit und Technik-Affinität.
Mir war wichtig‚ mit dem Namen auszudrücken‚ dass in der Schrift unterschiedliche Kräfte wirken …
Warum haben Sie Ihre Schrift „Yalta Sans“ genannt und gibt es eine spezielle Bedeutung des Namens?Eigentlich sollte die Schrift erst Poly Sans und dann Plural Sans heißen, aber dann gab es schon andere Schriften die so oder ähnlich hießen. Mir war wichtig, mit dem Namen auszudrücken, dass in der Schrift unterschiedliche Kräfte wirken – einerseits die Geometrie und andererseits der Humanismus. Deshalb beziehe ich mich mit dem Namen auf die Konferenz von Jalta (Yalta auf Englisch) in der sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Alliierten zusammensetzten um über die Aufteilung Deutschlands und – wenn man so will – über die Neuordnung der Welt zu verhandeln. Auch da mussten widerstrebendste Vorstellungen unter einen Hut gebracht werden. Schade ist natürlich, dass die Schrift in allen Menüs immer ganz unten stehen wird – ich hoffe sie wird trotzdem gefunden und genutzt werden.
Sie haben seit 2007 an verschiedenen Hochschulen Typografie und Schrift unterrichtet. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Durch das Unterrichten hat sich mein theoretischer Horizont stark erweitert. Dinge, die ich vorher vielleicht nur ungefähr wusste, musste ich nun nachlesen, um den Studierenden nichts falsches zu erzählen. Und jedes Buch enthielt ja wieder Verweise auf andere Bücher, so dass meine Bibliothek im Büro rasch wuchs. Die vielen Bücher haben mir sehr gut getan. Da ich Autodidakt bin, lebte ich vorher in der ständigen Angst, irgend etwas nicht zu wissen. Heute fühle ich mich da sehr entspannt und einigermaßen sicher.
In ihrer Biografie steht, dass sie Deutsch-Schweizer sind, man hört aber keinerlei Dialekt.
Ja, da haben Sie mich ertappt. Tatsächlich bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen und bis auf zahlreiche Besuche lediglich auf dem Papier Schweizer. Aber ich schätze das Schweizer Grafikdesign so sehr, dass ich da gerne ein kleines bisschen dazu gehören würde. Für mich schafft es die Schweizer Gestaltung im besten Falle die Vorzüge der Holländer – das spielerisch-experimentelle – und die Vorzüge der Deutschen, wie Akribie und Reflektiertheit, miteinander zu verbinden. In diesem Sinne möchte ich wahrscheinlich über den Hinweis auf die Herkunft ausdrücken, dass mir sowohl Spielfreude, wie auch Grübeln wichtig sind.