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Werner Schneider

Interview mit Prof. Werner Schneider

Einfangen, was die Natur vorgibt


Linotype: Herr Schneider, seit wann arbeiten Sie als Schriftgestalter und wie sind Sie dazu gekommen?
Werner Schneider: In meiner Familie gibt es einen Fundus an jahrhundertealten Handschriften: Sie haben mich von Kindesbeinen an fasziniert. Das Medium Schrift wurde mir folglich quasi in die Wiege gelegt und animierte mich 1954 zu dessen Studium bei Professor Poppl an der Werkkunstschule Wiesbaden. Mein erstes Type-Design resultiert aus dem Jahre 1962, damals noch für Letraset und den Fototitelsatz entworfen.

Linotype: Wie gehen Sie bei der Gestaltung vor? Haben Sie eine spontane Idee oder arbeiten Sie mit Konzept?
Schneider: Jede designspezifische Lösung erfordert auch ein konzeptionelles Vorgehen. Dabei kann der konzeptionelle Anteil einer Arbeit unterschiedlich gewichtet sein. Es besteht oft ein Unterschied darin, ob es sich um eine Auftragsarbeit mit präzisen Vorgaben und Erwartungen seitens des Auftraggebers handelt oder ob sich beispielsweise ein Type-Design aus einer experimentellen Auseinandersetzung mit Schriftform entwickelt.

Linotype: Auf was legen Sie bei Ihrer Arbeit besonderen Wert?
Schneider: Mein Bemühen zielt fast immer auf eine organische Formensprache ab, denn eine Form, die das Auge befriedigt, kann nicht konstruiert sein: In der Natur gibt es so gut wie keine Horizontale und Vertikale. Auch sind die menschlichen Gesichtshälften nicht spiegelbildlich. Deshalb bringen rein technische Arbeitsweisen noch keine Formen hervor, die der Einzigartigkeit des Menschen würdig sind. Ich versuche, mit meinem Type-Design einzufangen, was die Natur uns vorgibt. In einem Schriftdesign mit „Augenmaß” liegt mein übergeordnetes Anliegen, ausgenommen Arbeiten für rein technische Inhalte wie Logotypes oder Produktschriften.

Linotype: Vor welcher Herausforderung standen Sie beim Gestalten der Satero® – einer Schrift mit zwei Familien?
Schneider: Die größte Herausforderung war bei beiden Familien die gleiche Formensprache zu verwenden, aber der Sans und der Serif einen unterschiedlichen Charakter zu geben mit der gleichen Grauwirkung in den jeweiligen Strichstärken.

Linotype: Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Schneider: Meine besondere Aufmerksamkeit gilt der Capitalis Monumentalis: In dem Ideal-Alphabet der abendländischen Schriftkultur vereinen sich die elementaren Gestaltungsgesetze, die mir als Type-Designer unverzichtbar sind. Die nahe der Formvollendung konzipierten historischen Beispiele zeigen aufgrund dessen auch nach 2.000 Jahren keine Verschleißerscheinungen.

Linotype: Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?
Schneider: Die eigenschöpferische Auseinandersetzung mit künstlerischer Form. Sie bedeutet für mich Lebenselixier pur und trägt wesentlich zum eigenen Wohlbefinden bei.

Linotype: Haben Sie Vorbilder?
Schneider: Meinen Lehrer Friedrich Poppl, Hermann Zapf, Adrian Frutiger und, nicht zu vergessen, Günter Gerhard Lange.

Linotype: Im Alltag begegnen uns ständig „typografische Ausrutscher”, z.B. falsch gesetzte Anführungszeichen auf Schildern oder Speisekarten. Welcher Fehler tut Ihnen am meisten in den Augen weh?
Schneider: Wohl das größte Ärgernis bereitet mir der Gebrauch des gemeinen „scharfen S” inmitten von Versaltext.

Herr Schneider, vielen Dank für das Gespräch!

Werner Schneider

Prof. Werner Schneider
* 1935 in Marburg, Deutschland.
1954 bis 58: Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden bei Prof. Friedrich Poppl.
Professur für Kommunikationsdesign an der Werkkunstschule Wiesbaden mit Schwerpunkt Typografie.
Preisträger zahlreicher internationaler Awards.
Berühmteste Schriftdesigns: Schneider-Antiqua® BQ, Satero®, Vialog®.

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