Hermann Zapf

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Nachruf auf Hermann Zapf


Der weltweit anerkannte und renommierte deutsche Schriftdesigner Hermann Zapf verstarb am 4. Juni 2015 im Alter von 96 Jahren. Den Schöpfer vieler international bekannter und beliebter Schriften wie Palatino, Optima und Zapfino verband über Jahrzehnte hinweg eine enge geschäftliche und persönliche Beziehung zur D. Stempel AG, der späteren Linotype AG und heutigen Monotype GmbH.
Lesen Sie unseren Nachruf, den der Journalist Andreas Weber exklusiv für Linotype.com verfaßte: „Mit Präzision und Leidenschaft zur Meisterschaft“.

Mit Präzision und Leidenschaft zur Meisterschaft
Oder: Am Anfang war die Schrift. Schrift findet einen neuen Anfang.

Ein Wort-Denkmal für Professor Hermann Zapf. Von Andreas Weber, Mainz

„Hermann Zapf hat die Transformation einer werthaltigen Kommunikation von der analogen Gutenberg-Galaxis in die digitale Wissensgesellschaft wie kein anderer geprägt. Wir können und werden ihn nie vergessen.“

„Meine Lebensgeschichte beginnt in Nürnberg. In dieser Stadt wurde ich am 8. November 1918 geboren, also gerade noch im Kaiserreich.“ Mit diesen Sätzen lässt Hermann Zapf sein Buch „Alphabetgeschichten“ beginnen, das im Jahr 2007 von der Mergenthaler-Edition der Linotype GmbH herausgegeben wurde. Diese lesenswerte Chronik technischer Entwicklungen von Hermann Zapf versetzt uns in Erstaunen. Wie kann ein einziger Mensch soviel auf so hohem, nicht zu übertreffendem Niveau vollbringen? Wie kann man Kreativität, handwerkliche Präzision, universelles künstlerisches Talent und Technologie-Verständnis dergestalt unter einen Hut bringen?

Leben und Werk von Hermann Zapf sind vielfältig und umfassend dokumentiert, vor allem auch von ihm selbst. Er gehört zu den wichtigsten Schriftkünstlern, Typografen, Kalligrafen aller Zeiten, der sich auch als Gestalter, Autor und Lehrer über fast vier Generationen verdient gemacht hat. Und er gehört zu den wenigen Auserwählten der Menschheitsgeschichte, die durch ihr Wirken das Schaffen anderer erst ermöglicht haben, wie der Typograf und Pressendrucker Hermann Rapp in seinem Beitrag zum 90. Geburtstag von Hermann Zapf im Herbst 2008 betonte: „Mit Zähigkeit kämpfte er [Hermann Zapf] ein langes Leben lang um Vollkommenheit. Wer in seiner Nähe stand, wurde mitgezogen oder zog es vor, sich abseits einen kleineren Weg zu suchen. Denn er konnte wohl nicht anders als alles an sich zu ziehen, in sich zu verarbeiten und das Ergebnis, ob Kalligraphie oder Alphabet mit all seinen Zusätzen für viele Sprachen dieser Welt, dem Buch, den Druckwerken zur Verfügung zu stellen.“

Es erfordert nicht nur Respekt, sondern Demut und Dankbarkeit, um sich mit Hermann Zapf auseinandersetzen zu können. Aber nicht etwa deswegen, weil er sich abkapselte, sondern weil Hermann Zapf für immer und ewig an der Spitze der Elite grafischer Kunst steht ohne selbstverliebt oder voreingenommen gewesen zu sein. Bis ins hohe Alter hat Hermann Zapf stets die Begegnung mit anderen, gerade den sehr viel jüngeren Menschen geschätzt – zuhörend, mitredend, helfend, erklärend, Mut machend. So hat er über Jahrzehnte unterrichtet (in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von Amerika) oder seit 1989 auf den TypoMedia- und TypoTechnica-Kongressen von Linotype mitgewirkt. Mit dem Schriftenhaus Linotype und seinen Vorgängerfirmen stand Hermann Zapf über mehr als 70 Jahre in engster Beziehung. Zapf hat damit über die Hälfte des Firmenlebens der 1886 von Otmar Mergenthaler gegründeten Firma und ihr globales Geschäft geprägt. Dies ist in der grafischen Branche und ihrer Wirtschaftsgeschichte ein wohl einmaliger Vorgang.


Bleisatz auf dem Bildschirm?
Im Jahr 2001 publizierte Hermann Zapf zusammen mit einem jungen, international besetzten Team aus Basel, Mainz und New York City die Multimedia-CD-ROM „The world of alphabets by Hermann Zapf". Der Meister selbst entwickelte das Layout, gab die Inhalte vor, lieferte die Scans ab und wählte die Musik aus. Innerhalb von weniger als 100 Tagen musste vom jungen Team (mit damals noch sehr rudimentären technischen Werkzeugen) die komplett interaktiv gestaltete Produktion abgewickelt werden. Die Multimedia-Präsentation führte Hermann Zapf im Herbst 2001 im US-amerikanischen Kalifornien persönlich vor – „standesgemäß digital und computerunterstützt“, wie Zapf süffisant anmerkte. Der Grund für den Kalifornien-Besuch lag darin, dass Gudrun Zapf-von Hesse und Hermann Zapf von der Non-Profit Organisation „The Friends of Calligraphy“ und der „San Francisco Public Library“ eingeladen waren, den „Lifetime Achievement Award for Excellence in Calligraphy and Type Design“ entgegenzunehmen. Die Preisverleihung war Bestandteil einer Gruppenausstellung sowie einer Reihe von Events, genannt „Zapfest, Calligraphic Type Design in the Digital Age. An Exhibition in Honor of the Contributions of Hermann and Gudrun Zapf“. Weitere 14 international renommierte Schriftgestalter stellten aus. Kuratoren der Ausstellung waren Sumner Stone, Susie Taylor und Linnea Lundquist. Gudrun und Hermann Zapf hielten in diesem Rahmen auch Vorträge in der San Francisco Public Library. Gudrun und Hermann Zapf besuchten zudem die Firmen Apple (er traf Steve Jobs und Peter Lofting) sowie Adobe. Beide Firmen gehören zu den Pionieren und Gestaltern unserer zeitgemäßen digitalen Kommunikationstechnologien und brachten Hermann Zapf höchste Wertschätzung entgegen.

Im darauffolgenden Jahr 2002 besuchten Hermann Zapf und seine Gattin, die renommierte Schrift- und Buchkünstlerin Gudrun Zapf-von Hesse, die damals „kreativste Multimediaagentur der Welt“ in Wiesbaden. Dort zog das Paar zwei Dutzend Jung-Kreative stundenlang in seinen Bann. Und Hermann Zapf lehrte die Multimedianer, dass neueste Technik nicht immer bereits von Anfang an perfekt ist. „Was ihr macht, ist quasi Bleisatz auf dem Bildschirm. Aber keine Angst, die Technik, die ihr im Web nutzt, wird langsam immer besser“, urteilte er.

Die Offenheit und lebenslange Neugier von Hermann Zapf für Innovation und Fortschritt, für Werte und Kultur, für Kommunikation und Gestaltung basiert auf einem hohen Maß an Verantwortung für das eigene Können und Tun. Hermann Zapf kommentierte das so: „Die Arbeit eines Schriftentwerfers verlangt mehr Sorgfalt und Genauigkeit als in einer der üblichen Disziplinen. Kaum eine andere kreative Tätigkeit hat an weltweiter Verbreitung solche Größenordnungen vorzuweisen, weder die Werbung, noch die Buch- und Zeitschriftenproduktion.“ Hermann Zapf hat nie etwas halbherzig angepackt oder auf Zufälliges vertraut. Und das, obwohl er immer wieder Neuland betrat, wie zum Beispiel seit den 1960er Jahren mit Dr. Ing. Rudolf Hell, den Zapf als den „Edison der grafischen Industrie“ verehrte.

Um die grandiose Bedeutung des Lebenswerks von Hermann Zapf und seiner Arbeit als Schriftentwerfer anschaulich zu machen, sei erinnert: Jeder Computer, der weltweit (stationär oder mobil) im Einsatz ist, macht Schriften von Hermann Zapf zugänglich, da sie sowohl Teil der Grundausstattung der Betriebssysteme als auch Bestseller in den Schriftbibliotheken sind. Große Teile der Weltliteratur, bedeutende Publikationen im Zeitschriftenbereich, Firmen- und Privatdrucksachen, Urkunden bis hin zu Inschriften in Denkmälern sind mit Schriften ausgestattet, die Hermann Zapf entworfen und im Laufe von 60 Jahren ständig an die neuesten technischen Entwicklungen angepasst hat.


Bis zum letzten Atemzug: Ungebrochener Innovationsgeist
Vom Hand- über den Maschinensatz mit Bleilettern bis zum Foto- und Lichtsatz sowie letztlich für die unterschiedlichen Digitaltechnologien hat Hermann Zapf seine Schriftzeichen und Alphabete umgearbeitet und erweitert. Dabei beglückten ihn die neuesten Digitaltechniken geradezu, vor allem das OpenType-Fontformat, da es für Schriftentwerfer sämtliche technisch-physikalischen Beschränkungen der Vergangenheit aufhebt. Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wie auch das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhundert nutzte der damals schon hochbetagte Hermann Zapf, um beinahe wöchentlich im Schriftenatelier von Linotype seine wichtigsten Schriften (Palatino, Aldus und Optima) den neuen Techniken anzupassen. Dabei wurden nicht nur seine Alphabete und Zeichen transformiert, sondern es entstanden Erweiterungen der Schriften, etwa die Palatino Nova und Palatino Sans.

Sein spektakulärstes Projekt war sicherlich die Zapfino. Hermann Zapf wurde Anfang der 1990er Jahre von dem später als Web-Design-Guru berühmt gewordenen David Siegel aus Kalifornien angesprochen. Siegel, der Mittzwanziger wollte im Team mit Zapf, dem über 70-jährigen, eine neue digitale Schrift entwerfen, um Kalligrafie mit dem Computer zu ermöglichen. Die Ansprüche wuchsen mit den Möglichkeiten. Das Projekt geriet ins Wanken. Letztlich war Ende 1998 mit Unterstützung des Schriftenhauses Linotype die „Zapfino genannte kalligrafische Schrift als Weltneuheit marktreif. Apple-Chef Steve Jobs war fasziniert und lizenzierte die Zapfino. Seitdem ist die Zapfino Bestandteil des Betriebssystems OS X von Apple. Kalligrafie findet so Eingang in den von Steve Jobs propagierten „Digital Lifestyle“.


„TypoZapfie“ – Inspiration für den Nachwuchs und globale Strahlkraft
Naturgemäß beschränkte sich Hermann Zapf bei seinen Schriftentwürfen nicht nur auf den westlichen Sprach- und Kulturraum. Slawische Sprachen, Kyrillisch, Arabisch und vieles mehr hat Hermann Zapf in seine Schriftwelt integriert. Jeder Mensch auf unserem Planeten, der Lesen und Schreiben kann, jedes Unternehmen ist mit dem Werk von Hermann Zapf, dem Meister des Schriftentwerfens, hautnah in Berührung gekommen. Mitunter wurden auch lebenswegentscheidende Impulse durch Hermann Zapf gezündet: Der junge Akira Kobayashi aus Tokio bekam in den 1980er Jahren Fachschriften von Hermann Zapf in die Hand, die ins Englische übersetzt waren. Da Akira kein Englisch konnte, aber genau wissen wollte was Hermann Zapf publizierte, brachte er sich kurzer Hand die englische Sprache selbst bei.

Das Ergebnis war eine grenzenlose Begeisterung bei Akira Kobayashi für Schrift und Typografie auf höchstem künstlerischen Niveau, die man als „TypoZapfie“ bezeichnen könnte. Akira ging damals unvermittelt nach London zum Studium, entwarf selbst Schriften, gewann bei Wettbewerben und wurde zum künstlerischen Leiter des Linotype Schriftenateliers. Eine Position übrigens, die Hermann Zapf bei der D. Stempel AG, die später von Linotype übernommen wurde, mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor inne hatte. Kein Wunder also, dass Hermann Zapf unverzagt und hochmotiviert auf die Unterstützung und Kompetenz von Akira Kobayashi setzte, um im Linotype Schriftenatelier sein Lebenswerk vollenden und bis zum letzten Atemzug auf Innovation, Präzision und Meisterschaft achten zu können.

Der Eingangs zitierte Hermann Rapp rundet die Würdigung der Lebensleistung von Hermann Zapf wie folgt ab: „Hermann Zapf schenkte uns und den späteren ein wunderbares Werkzeug. Wenn wir dieses Werkzeug mit Vernunft und Anstand gebrauchen, das heißt, dass wir Kommunikation des Kommunikativen wegen betreiben, Lesenswertes leicht leserlich machen, dann hinterlassen wir eine gute Spur bei unserem Tun und ehren den Schöpfer unserer Werkzeuge: unseren Hermann Zapf.“

Hermann Zapfs Lebenswerk und seine Meisterschaft sind unvergleichlich und einzigartig. Er hat durch sein über fast vier Generationen dauerndes Wirken die grafische Kunst vollendet. Und gleichzeitig nicht nur Profis, die Gestalter, Kreativen und Medienproduktioner in aller Welt, inspiriert und unterstützt, sondern durch seine aktive Mitarbeit bei der Vervollkommnung der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten die Nutzung grafischer Kunst auf höchstem Qualitätsniveau für alle Menschen zugänglich gemacht. Schrift und die schriftgebundene Kommunikation haben durch Hermann Zapf einen neuen Anfang gefunden. Hermann Zapf hat die Transformation der werthaltigen Kommunikation von der analogen Gutenberg-Galaxis in die digitale Wissensgesellschaft wie kein anderer geprägt. Wir können und werden ihn nie vergessen.


Zum Autor:
Andreas Weber (geboren am 3. Januar 1959 in Homburg/Saar) lebt und arbeitet seit 1978 in Mainz. In der Gutenberg-Stadt studierte er Kunstgeschichte, Archäologie und Buchwesen. 1987 wechselte er ins Kommunikationsfach. Seitdem ist er als Kommunikations-Manager und -Analyst, Publizist sowie als Berater und Coach aktiv. Er hat verschiedene Unternehmen gegründet, zuletzt die Value Communication AG, die er als CEO leitet und die sich auf Innovationstechnologien und Kommunikation mit System spezialisiert hat. Hermann Zapf lernte der Autor im Jahr 1988 in Paris kennen. 2001 produzierte er für Hermann Zapf die Multimedia-Werk „The world of alphabets by Hermann Zapf“. 2002 arrangiert Weber die Begegnung von Hermann und Gudrun Zapf mit der damals „Kreativsten Multimediaagentur der Welt“, Scholz & Volkmer, Wiesbaden. 2008 publizierte Weber eine umfassende Würdigung Hermann Zapfs zu dessen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier unser Online-Beiträge zu Hermann Zapf:

Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für Hermann Zapf
(Mai 2010)
Am 25. Mai 2010 wurde Hermann Zapf mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Ein Rückblick auf seine Karriere – ein persönliches Statement von Hermann Zapf (Oktober 2008)
Anläßlich seines 90. Geburtstages schrieb Hermann Zapf ein Statement, das er Ihnen nicht vorenthalten möchte! Er blickt auf den Start seiner Karriere zurück, beschreibt, wie er mit dem Schrift-Design begann und berichtet über die jahrelange Zusammenarbeit mit Linotype, die bereits vor 70 Jahren begann.

The Art of Hermann Zapf – ein Video zeigt den Künster bei seiner Arbeit (Oktober 2008)
In den 1960ern und 70ern zeichnete Hermann zahlreiche exklusive Schriften für Hallmark Cards. Gleichzeitig gab Hallmark als Nebenprojekt ein Video von Hermann in Auftrag, in dem er die Grundlagen der Kalligrafie und seine Arbeitsweise erklären sollte.

70 Jahre Schriftdesign! Zwei Kurzbiographien
(Oktober 2008)
Das Ehepaar Zapf, beide 1918 in Deutschland geboren, gehört zu den produktivsten Personen in der Branche des Schrift-Designs.

Die Lebensgeschichte des Hermann Zapf (August 1999)
Geschrieben vom Typografen selbst, ein Exklusivbeitrag für Linotype.

Feier zu Ehren von Hermann Zapf (November 1998)
Kupferberg-Terrasse, Mainz, Deutschland – Am 26. November ehrten die Heidelberger Druckmaschinen AG und Linotype einen Freund und Partner, dessen Werk die Graphik-Design-Branche seit über 60 Jahren bedeutend mitgestaltet.