Jürgen Weltin

Jürgen Weltin

Interview mit Jürgen Weltin

Die gut ausgebaute Sans Serif-Familie Finnegan wurde 1997 herausgebracht und gehört zu einem Ihrer frühen Designs. Schon hier lag einer Ihrer Schwerpunkte auf der Erstellung gut lesbarer und komfortabel ausgebauter Schriftfamilien. Sahen Sie eine besondere Herausforderung darin, dies mit einer modernen Sans Serif zu realisieren?
Natürlich, denn die Finnegan war überhaupt mein allererstes Schriftdesign. Angefangen hat das alles mit einer kleinen Übung im Schriftentwerfen während meines Graphik-Design Studiums. Mich hat da von Anfang an das Gesamtkonzept einer größer angelegten Schriftfamilie interessiert. Natürlich wollte ich etwas Modernes schaffen und der Markt für Sans Serifs, die für komfortables Lesen langer Texte geeignet waren, war damals noch recht klein. Es gab die Today Sans, Legacy Sans, Syntax, Stone Sans, Formata, Quay Sans, Polo, dann die Scala Sans. Bei letzterer schien mir zu sehr die Garamond durch, Polo fand sich in der Meta wieder, die schnell die Typographie in den 90ern beherrschte. Dann kam Thesis. Es war nicht einfach in den 90ern für einen absoluten Anfänger wie mich, in dieser Umgebung eine Nische zu finden. Das digitale Zeitalter war schon zu seiner Höchstform aufgelaufen, aber so schnell konnte ich noch nicht reagieren als noch Lernender. Ich wollte nie etwas zitieren und die Experimentierfelder der Techno- und Grungezeit, wo wild „gesampelt“ wurde, waren zwar verlockend, diesen Weg mochte ich jedoch auch nicht gehen.

Denn das war mein Ziel‚ eine freundliche und angenehme Leseschrift zu gestalten …

Also ließ ich alle zeitgenössischen Schriftdesigns zwar nicht aus den Augen, eignete mir aber nichts davon an. Stattdessen studierte ich die humanistischen Antiqua-Schriften und versuchte, meine Erkenntnisse in eine ganz eigene Sans Serif zu gießen. Denn das war mein Ziel, eine freundliche und angenehme Leseschrift zu gestalten. So versuchte ich, einen schreibenden Duktus in die anfänglich noch stark an Groteskschriften erinnernden Formen zu bekommen. Dies allerdings komplett am Bildschirm. Ich glaube, mir ist dann durchaus etwas gelungen, das sowohl originär als auch bis heute zeitlos erscheint. Bestärkt in meinem Bemühen wurde ich durch die spätere Auszeichnung mit einem Certificate of Excellence in Type Design durch die ATypI.
Beflügelt und recht zufrieden mit diesem Erstlingswerk schaffte ich in viel kürzerer Zeit eine der größten Herausforderungen, nämlich das Design einer Telephonbuchschrift als Auftragsarbeit bei The Foundry in London. Mein zweites originäres Schriftdesign (Yellow), das auch prompt gleich zweimal mit Preisen ausgezeichnet wurde. Hier hätte ich ebenfalls bewährte Schriften zitieren können, was einfacher gewesen wäre. Aber ich verfolgte mein eigenes Konzept. Vieles, was sich im Lernprozess bei der Finnegan entwickelte, steckt da drin. Und ohne die Erfahrung mit Yellow hätte es keine Agilita gegeben. Mein Entwurf der Telephonbuchschrift eignet sich nur für das vertikale Lesen, sprich: der Spalteneinträge. Das horizontale Lesen sollte später die sachlichere Agilita erfüllen.

Wenn man Ihre anderen Designs betrachtet, so hat die 2002 entstandene, schwungvolle Balega einen ganz anderen Charakter – sie ähnelt eher einer fetten Schablonenschrift. Was hat Sie dazu inspiriert, diese eher im Bereich der Headline- und Posterschriften angesiedelte Schrift zu erstellen?
Die Balega ist eine „Cover-Version“, wie man in der Pop- oder Rockmusik sagen würde, einer einst zu Bleisatzzeiten bei Nebiolo in Turin erschienenen Schrift namens Resolut. Für mich war das eine reine „Fingerübung“ inmitten der umfangreichen Arbeit an der Agilita, die damals schon begonnen hatte. Sie erinnerte mich irgendwie an den fetten Sound einer Jimi Hendrix-Gitarre. Dabei habe ich die Originalvorlage nicht einfach digitalisiert, sondern habe sie frei am Bildschirm nachgezeichnet, indem ich auf eine nur etwa 22 Punkt große Abbildung der Resolut in einem alten Schriftmusterbuch schaute. Bei dieser Abbildung fehlten einige Buchstaben. Diese und andere Zeichen habe ich dazu improvisiert. Die Balega ist etwas schmaler und hat einen geringeren Neigungswinkel. Eine Neuinterpretation, so ähnlich wie es vielleicht der Schweizer Gitarrist Christy Doran 1994 mit Hendrix tat.

Ich habe die Schrift zufällig entdeckt. Ihre Kurven im Kontrast zu den scharfkantigen Großbuchstaben haben mich sofort angezogen …

Ich habe die Schrift zufällig entdeckt. Ihre Kurven im Kontrast zu den scharfkantigen Großbuchstaben haben mich sofort angezogen. Da war eine Dynamik enthalten, die ich auf ganz andere Art bei der Agilita umzusetzen versuchte. Höchst interessant daran war das Durchbrochene der dynamischen Kurven, indem die Buchstaben in Einzelsegmente aufgeteilt sind, sodass das Ganze an Schablonenschriften erinnert – wobei deren Prinzip etwas anders funktioniert. Dass die Resolut nicht mit in die Fotosatz-Ära genommen wurde und dadurch auch nicht in die digitale Ära, wunderte mich bei ihrer ästhetischen Qualität. Also versuchte ich es mit meiner Cover-Version. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt schon intensiv mit den mageren Agilita-Schnitten am Werk, dass ich zur Abwechslung die runden, dicken Formen bevorzugte. So asketisch bin ich ja nicht, und die Aussicht, eine Schrift zu erstellen, die mal nur aus einem einzigen Schnitt besteht, war auch nicht zu verachten.

Im Jahr 2006 zeichneten Sie die Agilita, die besonders für anspruchsvollen Mengensatz wie Wörterbücher oder Lexika und für Beschriftungen geeignet ist. Wie aufwändig ist die Erschaffung einer so komplexen, gut ausgebauten Familie?
Im Fall der Agilita ziemlich aufwendig. Denn die vielen Schnitte sind nicht alle durch Interpolationen von zwei Extremschnitten am jeweiligen Ende der Skala erzeugt worden. Der komplexe Ausbau war so auch nicht von Anfang an geplant, sondern ergab sich nach und nach, als ich erkannte, dass die Schriftformen das Potential dazu bereithielten.

Bei der Finnegan vermissten anfangs manche einen leichten Schnitt‚ also sah ich einen solchen bei der Agilita vor …

Nachdem ich einen extrafetten Schnitt von Hand zeichnete (der jetzige Heavy-Schnitt) und digitalisiert hatte, überlegte ich mir, dass das noch fetter gehe. So fand ich Gefallen daran, noch einen zusätzlichen Black-Schnitt zu zeichnen. Dieser hat seine eigenen optischen Gesetzmäßigkeiten und war daher als Pol für Interpolationen zu extrem. Bei der Finnegan vermissten anfangs manche einen leichten Schnitt, also sah ich einen solchen bei der Agilita vor. Meine Ausgangszeichnung (auch von Hand) war aber in einer normalen Strichbreite. Das hieß nochmals eine neue, leichtere Zeichnung und dann wollte ich noch etwas sehr leichtes, wofür der Normalschnitt als Pol für Interpolationen auch nicht geeignet war.
Am unteren Ende entschied ich mich für eine Strichstärke von 16 Einheiten für den Schnitt Ultrathin, was schon ziemlich extrem ist. Der leichte Schnitt hat zum Vergleich 72 Einheiten. Nachdem ich mit Ultra Thin fertig war und das faszinierende Ergebnis testete, wollte ich es genauer wissen: wenn es oben dicker geht, geht es unten auch noch dünner! Ich fand heraus, dass vier Einheiten für die Strichstärke eines Schnitts Hairline das Minimum sind, um noch so zeichnen zu können, dass man in manchen Buchstabensegmenten auf drei Einheiten ausweichen kann, was aus optischen Gründen notwendig war. Darunter war es unmöglich. Abgesehen davon, dass kaum ein Ausgabegerät diese feinen Striche in normalen Größen ausgeben kann. Davon Schriftmuster im Internet zu erstellen ist extremst heikel, ein Albtraum für die Fonttechniker. Die Hairline ist viermal dünner als die Ultra Thin – man kann also die Ultra Thin als kräftigen Auszeichnungsschnitt hernehmen! Vorausgesetzt die Schriftgröße ist groß genug.
Anstatt einer generischen Interpolation aller Zwischenschnitte der Agilita war mein Ziel, den einzelnen Schnitten genügend Eigencharakter mitzugeben. Man kann das ganz gut an den unterschiedlichen i-Punkten sehen, dass bei der Familie keine Gleichmacherei herrscht, sondern dass jedes Mitglied seine eigene Persönlichkeit besitzt.

Eben wie im richtigen Leben. Ob jemand für die Hairline eine Kursive braucht, Kapitälchen? Egal – die Herausforderung war noch nicht zu Ende. Dafür habe ich mich bei den Condensed-Varianten auf die eher konventionelleren Strichstärken beschränkt. Aber gerade die sehr leichten Agilitas erfreuen sich großer Beliebtheit. Ich persönlich verwende auch sehr gerne die Black.

2010 und 2011 begannen Sie dann damit, das Mantika-Schriftsystem zu entwerfen, welches aktuell aus der Mantika Informal und der Mantika Sans besteht – und in Kürze durch eine neue Familie erweitert wird. Was waren für Sie die besonderen Herausforderungen bei der Konzeptionierung und Erstellung eines derartigen aufeinander abgestimmten Schriftsystems?
Als ich mit der Agilita begann, zeichnete ich anfangs parallel dazu eine Antiqua-Schrift. Die blieb jedoch die ganzen Jahre über in der Schublade. Als Agilita beendet und veröffentlicht war, holte ich diesen Entwurf wieder hervor und zeichnete ihn aber gleich zu einer neuen Sans Serif um – diesmal gleich am Bildschirm. Das war die Geburt der Mantika Sans. Da sie allerdings aus einer Antiqua hervorging, dachte ich von Beginn an an eine Schriftsippe mit stilistischer Diversität – die Variation eines Themas, das ich von jedem neuen Ergebnis wieder verändern wollte. Aus der Mantika Sans habe ich wieder eine andere Serifenschrift entworfen, daraus wiederum noch eine andere Sans Serif. Von diesen Variationen ist bislang aber erst die Mantika Informal veröffentlicht, die sich aus der Kursiven der Mantika Sans ergab. Diese Kursive hatte ein solch eigenständiges Potential als reine Leseschrift, dass ich meinte, sie könne durchaus für sich alleine stehen. Da ich mich auch ein wenig mit der Thematik von Schriften für Leseanfänger beschäftige, kam die Idee für diese mehr informelle Schrift, die ein bisschen an alte Fibelschriften erinnert. Sie ist jedoch viel moderner im Design, sodass sie auch für ganz andere Zwecke eingesetzt werden kann.

Das Konzept hinter dem Mantika-Schriftsystem ist‚ wie gesagt‚ einen Ausgangspunkt zu nehmen und diesen immer wieder zu etwas Neuem zu gestalten …

Das Konzept hinter dem Mantika-Schriftsystem ist, wie gesagt, einen Ausgangspunkt zu nehmen und diesen immer wieder zu etwas Neuem zu gestalten. So besteht eine formale Verwandtschaft zwischen den Stilen und damit die Möglichkeit, diese miteinander zu kombinieren, da sie alle auf der gleichen Versalhöhe und Kleinbuchstabenhöhe basieren. Gleichzeitig sind sie aber auch individuell genug, um alleine verwendet werden zu können – wie das Beispiel der Kursiven der Manika Sans zeigt, die ein ganz anderes Designkonzept verfolgt wie der aufrechte Schnitt und trotzdem dazu passt. Die Idee der Schriftsippe ist an sich nichts Neues, aber der Prozess der Entstehung der Mantika birgt ein paar Überraschungen, weil ich nicht hier ein paar Serifen weglasse und andernorts an eine Sans Serif dranmache, sondern jedesmal etwas neu erfinden möchte, innerhalb meiner selbst gesteckten Grenzen: Die einzelnen Stile wird es in nur jeweils vier Schnitten geben. Diese sind dicktenkompatibel, da sie auch im Hinblick auf den Einsatz im Office-Bereich gestaltet sind.

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