Gottfried Pott– Einblicke in die Welt der Kalligraphie
Ziehfedern, Schwedenfedern oder Reißfedern, in verschiedenen Größen, ursprünglich für technisches Zeichnen hergestellt, sind bei entsprechender Handhabung auch für das Schreiben von besonderem Reiz. Die erste Bekanntschaft mit diesem Instrument habe ich als Student bei meinem Lehrer Friedrich Poppl gemacht. Anfang der 80er Jahre ließ ich mir eine Ziehfeder nach meinen Skizzen anfertigen. Diese Ziehfeder war auf die besonderen Anforderungen des Schreibens abgestimmt. Die veränderte Größe des Farbreservoires, der Winkel der Schreibfläche, die schreibgerechte Federkante, die Manipulation der Federspitze und besonders die Federhaltung hatten auf den Duktus, den Charakter und damit auf die Form der Schrift einen signifikanten Einfluß. Durch diese Manipulationen konnte die Feder so „natürlich” wie möglich gehalten werden. Dies war einer der wichtigsten Punkte überhaupt, da die Haltung eines Werkzeugs die Form entscheidend beeinflußt. Beabsichtigt war, durch die Haltung des Werkzeugs alle Strichstärken schreiben zu können. Das heißt: nicht eine „starre”, sondern eine sehr flexible Federhaltung ist das Ziel; Finger, Hand und Arm sind gleichermaßen am Schreibprozeß beteiligt. In diesem Punkt ist die Ziehfeder, trotz aller Unterschiedlichkeit, mit dem Pinsel vergleichbar. Alle Schriftstile, die einen individuellen, handschriftlichen oder expressiven Ausdruck erfordern, lassen sich mit einer solchen Feder visualisieren. Schriftstil und Schreibtempo haben eine großen Einfluß auf den Duktus und damit auf das Wichtigste, nämlich auf Form und Ausdruck der Schrift. Das „Abrollen” vom kraftvollen Strich mit der breiten Schreibfläche bis zur feinsten Linie auf der Federspitze ist die entscheidende Voraussetzung für eine virtuose Handhabung dieser Feder. Dies erfordert viel Übung – auch diese Feder kann nichts, was die Hand nicht gelernt hat. So wichtig wie das Klavier für den Pianisten, so bedeutend ist auch die Feder als Instrument in der Hand des Schreibers. Nur wenn der Aspekt des Schreibens bei der Herstellung einer Ziehfeder Priorität hat, entsteht ein „klangvolles” Schreibinstrument, mit dem „Musik” dargestellt werden kann.
Viele kalligraphische Arbeiten mit dieser Feder führten 1992/93 zur Entwickung einer Satzschrift. Als PostScript Font kam die Schrift bei Linotype unter der Bezeichnung Ruling Script heraus. Die Formensprache dieser Schrift ist eine handschriftbetonte Improvisation der Cancellaresca. Formbildend war das Werkzeug, der Duktus ist konstrastreich, die Kontur ist lebendig und stark gerauht. Die natürliche Schreibspur wurde weitestgehend erhalten. Besonders die runden Buchstabenformen sind auf die werkzeugbedingten Möglichkeiten abgestimmt; sie wurden so spontan wie möglich und so kontrolliert wie nötig umgesetzt. Die Anmutungsqualität dieser Schrift hat durch die rhythmusbetonten Bewegungen einen musikalischen Charakter erhalten.
Viele kalligraphische Arbeiten mit dieser Feder führten 1992/93 zur Entwickung einer Satzschrift. Als PostScript Font kam die Schrift bei Linotype unter der Bezeichnung Ruling Script heraus. Die Formensprache dieser Schrift ist eine handschriftbetonte Improvisation der Cancellaresca. Formbildend war das Werkzeug, der Duktus ist konstrastreich, die Kontur ist lebendig und stark gerauht. Die natürliche Schreibspur wurde weitestgehend erhalten. Besonders die runden Buchstabenformen sind auf die werkzeugbedingten Möglichkeiten abgestimmt; sie wurden so spontan wie möglich und so kontrolliert wie nötig umgesetzt. Die Anmutungsqualität dieser Schrift hat durch die rhythmusbetonten Bewegungen einen musikalischen Charakter erhalten.