Jovica Veljovic

Jovica Veljovic

Interview mit Jovica Veljović

Wann haben Sie angefangen, sich mit Schriftdesign zu beschäftigen?
Bereits während des Studiums hatte ich mich schon sehr intensiv mit Schrift beschäftigt, daher wollte ich nach dem Studium bei Herb Lubalin in New York arbeiten. Aaron Burns, ein außerordentlicher Mensch, Visionär und Gründer der ITC, lud mich für eine Woche nach New York ein. Ed Benguiat fragte damals, welcher Arbeitstisch für mich frei gemacht werden sollte. Lubalin war schon schwer krank, und doch konnte ich ihn in seinem Haus besuchen. Das war für mich ein Geschenk. Drei Wochen später war er eingeschlafen. Aaron Burns sagte: „Du gehst nach Belgrad zurück und versuchst von dort aus, Schriften für ITC zu entwerfen“. Mit großen Augen sah ich zum ersten Mal in meinem Leben dicke Schriftmusterbücher in dessen Büro. In der ersten Maiwoche 1981 in New York wurde so mein Schicksal besiegelt, und mein weiterer Lebensweg wurde mir gezeigt. Seitdem beschäftige ich mich ununterbrochen mit Schriftgestaltung. Ich hatte das Glück, großartige Menschen kennenzulernen wie: Henri Friedlaender, der bekannte Typograf aus Israel und Designer der schönsten hebräischen Schrift Hadassah, Paul Standard, Autor und Kalligraf, den genialen Dr. Peter Karow, Gründer der URW, Aleksandar Dodig, Karlgeorg Hoefer, Werner Schneider, Gudrun und Hermann Zapf. Sein Buch „Über Alphabete“ hat mich sehr beeinflusst und eine entscheidende Rolle in meiner Entscheidung gespielt, mich mit Schrift und Kalligrafie zu beschäftigen. – Und eigentlich wollte ich Maler werden.

Wie viele Schriften haben Sie bis heute schon gestaltet?
Im Verhältnis zu der langen Zeit, die ich bereits in Schriftdesign investiere habe, sind nicht viele Schriften veröffentlicht. Einige für ITC, Adobe Systems und Linotype. Das liegt daran, dass ich sehr kritisch bin mit meiner Arbeit. Ich verwerfe mehr als ich behalte. Aber in meiner „Schublade“ warten noch einige und ich hoffe sie zu beenden.

… ich fühle mich allein am wohlsten‚ in der Welt der Buchstaben‚ im ständigen Kampf das zu erreichen‚ was ich fühle und denke …

Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung oder üben Sie noch andere Tätigkeiten aus?
In erster Linie bin ich Professor an der HAW Hamburg und unterrichte Schriftdesign und Typografie. Schriftdesign und Kalligrafie ist mein Lebensstil. Man ist allein, gern allein, im turbulenten Leben, das kein Außenstehender kennt. Ich fühle mich allein am wohlsten, in der Welt der Buchstaben‚ im ständigen Kampf das zu erreichen, was ich fühle und denke: – „Die ganze Welt, das ganze Leben – 26 Buchstaben.“

Was hat Sie zum Design der Agmena bewogen?
Ich wollte schon immer eine reine Buchschrift machen: Eine Schrift, die in Büchern und Publikationen so gut funktioniert, dass sich der Typograf auf seine Gestaltung konzentrieren kann, anstatt zum Beispiel das Kerning und die Zurichtung auszugleichen. Das ist für mich eine der wesentlichen Arbeiten des Schriftdesigners. Deshalb habe ich bei der Agmena Kerning und Zurichtung so gut wie möglich optimiert.

Was hat Sie beim Design der Agmena beeinflusst?
Ich weiss es nicht. Alles und Nichts. Als Buchliebhaber lese ich gerne, doch schlecht gesetzte Bücher irritieren mich. Besonders schöne Bücher mit hervorragender Typografie sind beispielsweise Bücher der Bremer Presse, Doves Press, Mardersteig und Beauclair Bücher. Ich wollte eine Schrift schaffen, mit der man solche Bücher gestalten kann. Sicher wirkt das überheblich, als Wunsch jedoch durchaus legitim.

Welche Techniken haben Sie zum Design der Agmena benutzt?
Anfangs stand ich unter dem Einfluss der Schreibschrift, mit der ich mir einen Grundstein legte. Später setzte ich Designmittel ein, wobei Funktionalität die höchste Priorität war, ohne zugleich den poetischen Touch zu verlieren.

Mein Ansinnen war es Buchstaben im Text zum perlen zu bringen‚ ohne aufdringlich zu sein‚ leise und doch souverän und charaktervoll …

Was war für Sie die größte Herausforderung während Sie an der Agmena arbeiteten?
Vieles muß berücksichtigt werden bei der Gestaltung einer Buchschrift. Nicht nur Proportion, Verhältnisse zwischen den Strichen oder die Farbe von Buchstaben mit Serifendicke, oder Verhältnisse der Mittelhöhe zu Ober- und Unterlänge, Abstände zwischen den Buchstaben und deren Wirkung mit Innenräumen und Punzen, und so weiter. Das schwierigste war, einen poetischen Rhythmus im Text als Ganzes zu erreichen, den ich in meinem Kopf hatte. Mein Ansinnen war es Buchstaben im Text zum perlen zu bringen‚ ohne aufdringlich zu sein‚ leise und doch souverän und charaktervoll.

Beschreiben Sie Anmutung und den Charakter der Agmena.
Poetisch, harmonisch, funktionell …

Agmena bietet auch viele Möglichkeiten in unterschiedlichen Sprachen zu arbeiten‚ da sich in der Schrift auch kyrillische und griechische Buchstaben befinden ...

Gibt es Besonderheiten der Agmena, welche herausgestellt werden sollten?
Schrift sollte funktionieren und zwar so gut funktionieren, daß man sagen kann: „Sie ist ein gutes Werkzeug für Texte in den Typopunktgrößen zwischen 9 und 14 Punkt “ und „ ich möchte zukünftig gerne mit dieser Schrift arbeiten.“ Dafür gab ich mein Bestes und hoffe, daß dies bei der Anwendung von Agmena klar wird. Die Agmena bietet auch viele Möglichkeiten in unterschiedlichen Sprachen zu arbeiten, da sich in der Schrift auch kyrillische und griechische Buchstaben befinden ... Viele Ligaturen, besonders für die griechische Sprache, aber auch Buchstaben für alternative Wortendungen oder Glyphen sind dabei; einige Ornamente und Schwungbuchstaben in den Kursivschnitten. Selbstverständlich sind auch Kapitälchen mit passenden Ziffern für alle denkbare Anwendungen integriert. Was mir besonders wichtig war, sind die Buchstaben mit besonderen Akzenten für Sprachen aus dem ehemaligen Jugoslawien, in Kyrillisch und Roman.

… Es ist nur zu hoffen‚ dass Agmena mit viel Feingefühl und Geschmack angewendet wird …

Für welche Art von Anwendung sehen Sie die Agmena am geeignetsten? (Text, Zeitungen, Display, Headlines, Poster, Bücher, Bildschirmdesign, Corporate Identity usw.)?
Die Schriftgestalter selbst haben am wenigsten Einfluss auf die Verwendung ihrer Schrift. Es ist nur zu hoffen‚ dass Agmena mit viel Feingefühl und Geschmack angewendet wird. Das ist mein Wunsch und zugleich das größte Rätsel, ob er sich erfüllen wird.

Welche besonderen und hervorragenden Merkmale besitzt die Agmena?
Das ist schwer zu sagen. Diese Schrift ist ein Teil von mir. Über mich zu sprechen ist nicht immer objektiv und klug. Ich wünsche mir, dass die Anwender dieser Schrift eines sagen können: Sie ist ein wunderschönes und vernünftiges Werkzeug für das Festhalten der Sprache.