Ein wiederentdeckter Klassiker im Stil der
Art-Nouveau-Epoche: die ITC Benguiat


ITC Benguiat

Die selbstbewusste Ankündigung der ITC Benguiat® in Ausgabe 4-4 des U&lc-Magazins sollte sich bewahrheiten. Sie war die richtige Schrift, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Die ITC Benguiat von Ed Benguiat genießt auch mehrere Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung den Ruf eines beliebten Klassikers.

Seite 44–48 des U&lc-Magazins Ausgabe 4-4 mit Präsentation der ITC Benguiat (PDF-Dokument, 737 KB).


Die komplette Ausgabe 4-4 des U&lc-Magazins (PDF-Dokument, 17,4 MB).

Allerdings beginnt die Geschichte dieser bekannten Schrift weitaus holpriger, als ihr späterer Erfolg erahnen lässt. Ein Freund fragt Ed Benguiat, ob er ihm für sein neues Geschäft ein Logo zeichnen könne. Es ging allerdings weniger um einen Auftrag, als um einen Gefallen, denn Benguiats Freund hatte kein Geld zur Verfügung. Der Freundschaft willen macht sich Benguiat an die Arbeit, aber Entwurf über Entwurf wird abgelehnt. Letztendlich entstehen wohl um die 100 Skizzen, bevor endlich ein Design akzeptiert wird. Es ist weder bekannt, ob die Freundschaft diesen Prozess überlebt hat, noch ob das Geschäft erfolgreich war. Aus typografischer Sicht ist viel wichtiger, dass Benguiat einige der abgelehnten Entwürfe so sehr mochte, dass er beginnt, die Buchstaben zu überarbeiten und weitere hinzuzufügen. Es dauert nicht lange und dieses neue Projekt verbraucht nicht nur seine komplette Freizeit, sondern auch signifikante Stunden seiner Arbeitszeit. Benguiats Chef, ITC-Mitgründer Herb Lubalin, setzt ihm schließlich die Pistole auf die Brust: entweder diese Entwürfe führen endlich zu etwas Verwertbarem oder er müsse damit aufhören. Benguiat beendet daraufhin die Arbeit, aber nur um nach ein paar Tagen zu beschließen, dass er zuviel Zeit investiert hat, als das die Entwürfe jetzt aufgegeben werden könnten. Er stellt ein Alphabet zusammen und reicht es beim ITC Typeface Review Board ein. Die Schrift wird abgelehnt. Aber als hartnäckige Person überarbeitet Benguiat die Schrift und reicht sie erneut ein. Schließlich braucht es drei Anläufe, bis sie akzeptiert wird und letztendlich als ITC Benguiat ihren Siegeszug antritt.

Die ungewöhnlich geformten Buchstaben der Antiqua ITC Benguiat erinnern an Schriften der Art-Nouveau-Epoche. Etliche Details in den Buchstaben greifen dazu ornamentale Elemente dieser Schriften auf. Besonders auffällig sind hier die schwungvoll gestalteten Versalien „A“ und „B“, etwas zurückhaltender, aber nicht minder prägend sind der diagonale Balken im gemeinen „e“, der extra Bogen im einäugigen „g“, der leicht gebogene Fuß im „k“ oder die nach innen geneigten Stämme des versalen „U“. Sehr charakteristisch für die ITC Benguiat sind darüber hinaus die langen, fein ausgezogenen Linienabschlüsse, die mit den spitz zulaufenden Serifen perfekt harmonieren. In diesem Zusammenhang sei auch die ungewöhnliche Designentscheidung erwähnt, die auf der Grundlinie stehenden Winkel von „v“ und „w“ ebenfalls mit Serifen zu versehen. Ein Stilmerkmal, das sonst eher von Westernschriften bekannt ist.

ITC Benguiat


ITC Benguiat



Die relativ breit gestalteten Buchstaben der ITC Benguiat bekommen dank ihrer enormen x-Höhe einen fast rundlichen Charakter; die Schrift wirkt dadurch insgesamt etwas gedrungen. Neben den Standard-Ligaturen der Gemeinen stehen auch einige, fast schon an Initiale erinnernde Versal-Ligaturen des „A“ zur Verfügung.

ITC Benguiat



Neben den aufrechten hat Ed Benguiat Schnitte mit echten Kursiven gezeichnet. Hier wechseln die meisten der Kleinbuchstaben in eine neue, deutlich schwungvollere und rundere Variante und zeigen eine geänderte, nur noch einseitige Serifenform.

ITC Benguiat


In der ursprünglich veröffentlichten und auch im U&lc-Magazin präsentierten Ausstattung verfügt die ITC Beguiat über sechs Schnitte mit den drei sich deutlich unterscheiden Strichstärken Book, Medium und Bold. Später werden für alle Schnitte Condensed-Varianten ergänzt.

ITC Benguiat


ITC Benguiat ist eine lebendige Schrift, die ihre zeitlose Schönheit längst unter Beweis gestellt hat. Ihre charakteristischen Formen spiegeln nicht nur den typografischen Eifer und gestalterischen Mut ihres Schöpfers wider, sondern sind über viele Jahrzehnte immer wieder eine gute Wahl zur Gestaltung von Headlines oder Werbung. Und obwohl die Schrift ihre vielen Details vor allem in großen Größen ausspielen kann, macht sie auch in kurzen Texten eine sehr gute Figur.

ITC Benguiat


ITC Benguiat Gothic

Zwei Jahre nach der Antiqua ITC Benguiat zeichnet Ed Benguiat mit der ITC Benguiat Gothic™ eine serifenlose Version der Schrift. Zwar orientiert sich die Grundform der Buchstaben an der Antiqua-Version, Benguiat verzichtet aber nicht nur auf die Serifen, sondern gibt der ITC Benguiat Gothic insgesamt ein reduzierteres Flair. So ist ein Kontrast in der Strichstärke praktisch nicht mehr wahrnehmbar und abgerundete Linienabschlüsse unterstützen den monolinearen Charakter der Schrift. Der fast schon etwas kühle, schablonenhafte Eindruck der ITC Benguiat Gothic wird durch waagerechte Abschnitte in den Rundungen zum Beispiel von c, d oder e aber auch dem s unterstützt. Eine eigene Lebendigkeit schöpft die ITC Benguiat Gothic aus dem interessanten Kontrast zwischen Elementen einer konstruierten Groteske auf der einen und zahlreichen grafischen Anspielungen an die Art-Nouveau-Epoche auf der anderen Seite. So findet man zum Beispiel auch in der ITC Benguiat Gothic, den geschwungenen Querbalken im versalen „A“, das verspielte gemeine „g“ oder die nach innen geneigten Stämme im versalen „U“.

ITC Benguiat Gothic


ITC Benguiat Gothic liegt in den vier Strichstärken Book, Medium, Bold und Heavy vor. Oblique Schnitte, mit schräggestellten Buchstaben, ergänzen die aufrechte Version der Schrift.

ITC Benguiat Gothic


Die ungewöhnliche Kombination einer nahezu monolinearen Grotesken mit grafischen Elementen der Art-Nouveau-Epoche gibt der ITC Benguiat Gothic einen ganz eigenen, interessanten und etwas ungewöhnlichen Charakter. Zusätzlich zeigt die Schrift dank ihrer abgerundeten Linienabschlüsse auch im 21. Jahrhundert einen modernen Touch.


Das U&lc-Magazin

U&lc (Upper and Lower Case) ist der Titel der inzwischen legendären Hauszeitung der 1970 gegründeten International Typeface Corporation (ITC). Ab 1973 erscheint das Magazin mehr oder weniger regelmäßig und stellt nicht nur neue Schriften aus dem Haus ITC vor. Herb Lubalin, Mitgründer von ITC und ein bekannter Grafikdesigner und Typograf, geht bei der Gestaltung und Aufmachung von U&lc von vorneherein neue Wege, gibt den einzelnen Schriften und Schnitten viel Platz, experimentiert mit Grafik und Schrift und schafft letztendlich ein einzigartiges, typografisches und gestalterisches Universum, auf dem sich der Erfolg des Magazins gründet. Auch nach dem Tod Lubalins im Jahr 1981 erscheint U&lc in der bekannten Form weiter. Erst 1999 wird die Printausgabe des Magazins eingestellt, eine Webversion läuft noch bis 2010 weiter. Vor allem die älteren Ausgaben des Magazins sind begehrte Sammlerstücke. Auch wenn eine echt Printausgabe durch nichts zu ersetzen ist, vermittelt doch das vollständig digitalisierte Archiv der U&lc-Ausgaben einen faszinierenden Einblick in dieses Kapitel der typografischen Geschichte.

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