Andi AW. Masry

Andi AW. Masry

Interview mit Andi AW. Masry

Wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für Schriftdesign?
In der ersten Klasse der Grundschule erfuhr ich alle Einzelheiten über lateinische Buchstaben. Mein Vater, selbst Lehrer im Ruhestand, lehrte mich das kursive Schreiben und auch das Verfassen handgeschriebener Briefe. All dies lernte ich allmählich auf eine sehr natürliche und unterhaltsame Weise. Später wurde mir klar, dass mein Vater mir die Grundlagen für modernes Schriftdesign vermittelt hatte, dank derer ich dieses Fachgebiet umfassender verstehen konnte.
Ich hatte das Glück, dass meine gesamte Ausbildung, meine Hobbys und all meine Aktivitäten stets mit Malerei, Fotografie, Typografie und Kalligrafie zusammenhingen. Eine Zeit lang beschriftete ich sogar technische Zeichnungen. All dies ließ mich wertvolle Erfahrungen sammeln, bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich zum ersten Mal mit Digitaltypografie in Berührung kam und mein Wissen über Schriftdesign weiter ausbaute.

Wie viele Schriften haben Sie bis jetzt entworfen?
Bisher wurden neun Schriften von mir veröffentlicht, fünf kostenlose und vier kostenpflichtige (Slantblaze, Geegantic, Creator Campotype und Coomeec™). Außerdem habe ich fünf Schriftfamilien entworfen, die noch nicht veröffentlicht sind, sowie einige Design-Konzepte entwickelt. Die Schriftfamilie Coomeec wurde von Linotype herausgegeben und als Marke geschützt.

Es ist sehr schwer‚ Grafik und Schriftdesign zu trennen‚ sie entwickeln sich gemeinsam weiter und ergänzen sich gegenseitig ...

Ist Schriftdesign Ihre Hauptbeschäftigung? Welchen Beruf üben Sie neben dem Schriftdesign aus?
Die Antwort auf diese Frage mag jetzt ein wenig seltsam klingen: Meine Zeitaufteilung zwischen Grafik und Schriftdesign hat das Verhältnis 0:100 oder 100:0, das heißt, ich mische oder kombiniere die beiden Tätigkeiten niemals. Ich konzentriere mich immer voll auf das, was gerade dringender ist. Zum Glück gib es beim Schriftdesign nicht immer „Lieferfristen“, was meine Zeitplanung erheblich erleichtert. Eines Tages möchte ich jedoch als Schriftdesigner in Vollzeit arbeiten.
Es ist sehr schwer, Grafik und Schriftdesign zu trennen, sie entwickeln sich gemeinsam weiter und ergänzen sich gegenseitig. Grafikdesign, das immer von mehrdimensionalen Aspekten lokaler Kultur wie Gemeinschaftsgeist, Bildung, Umwelt, sozialen Faktoren, der Altersgruppe der Betrachter usw. abhängt, bietet stets viel Inspiration für neue Schriften. Das Schriftdesign hingegen muss die Botschaft, die ein Grafikprojekt übermitteln soll, in eine angemessene typografische Form bringen.

Den ersten Impuls für den Entwurf von Coomeec brachte die Idee‚ eine Alternative zu den herkömmlichen‚ verbreiteten Comic-Schriften zu schaffen ...

Was inspirierte Sie zum Entwurf dieser Schrift?
Den ersten Impuls für den Entwurf von Coomeec brachte die Idee, eine Alternative zu den herkömmlichen, verbreiteten Comic-Schriften zu schaffen. Als ich einen Kurs über Comic-Gestaltung für Grundschüler abhielt, stellte ich fest, dass der Text mitunter zu viel Platz einnahm, wo hingegen mehr auf visueller Ebene mitgeteilt werden sollte. Andererseits bleibt kein Raum für längere Texte, wenn die Zeichnung fast den gesamten verfügbaren Raum ausfüllt.
Die ersten Zeichen, die ich für Coomeec entwarf, waren Großbuchstaben, verschiedene Diakritika und Ziffern, die ich alle etwas schmaler gestaltete, um den verfügbaren Platz effizienter zu nutzen. Das Ergebnis war der Vorläufer der späteren Coomeec. Diese Schrift entwickelte ich dann weiter, mit zusätzlichen Kleinbuchstaben und der ehrgeizigen Ambition, diesen die Qualität einer formellen Textschrift zu verleihen. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass der für den Text verfügbare Bereich größer ist als bei einem herkömmlichen Comic.
Das gesamte Design-Konzept von Coomeec entsprang praktisch einer meiner eigenen Handschriftvorlagen. Ein solcher Ansatz verleiht beim Schrift-Design in der Regel einen Hauch von persönlichem Stil und dafür gibt es einen speziellen Grund. Während der ersten Jahre, in denen ich mich mit Digitaltypografie beschäftigte, versuchte ich, die Meisterwerke der großen Schriftdesigner in meiner Vorstellung „auseinanderzubauen“, um ihre Entstehung nachzuvollziehen. Hierbei kamen jene Aspekte der Kalligrafie zum Vorschein, die stets eine wichtige Rolle für die Lesbarkeit gespielt hatten, insbesondere bei formellen Textschriften. So wurde beispielsweise behauptet, ob es nun wahr ist oder nicht, dass in allen Arbeiten von Hermann Zapf Spuren der flachen Schreibfeder wie in Zapfino (Schreibschrift) und Palatino (Serifenschrift) enthalten sind. Hieraus schließe ich aus praktischer Sicht, dass eine gute Schrift stets kalligrafische Elemente enthält, ganz gleich wie unscheinbar diese sein mögen. All diese Aspekte beeinflussten die Gestaltung von Coomeec erheblich. Allerdings wollte ich hier kein kalligrafisches Werk mit Schnörkeln und Zierrat schaffen und musste mich in dieser Hinsicht etwas zügeln.

Haben Sie sich bei dem Entwurf von anderen Schriften beeinflussen lassen?
Ja, natürlich. Aus der Betrachtung und dem Verständnis, wie Textkompositionen Qualität und Lesbarkeit erlangen, habe ich viel gelernt, obwohl ich mich speziell beim Entwurf von Coomeec hauptsächlich auf das Schreiben konzentrierte und davon absah, die Arbeit anderer Designer zu beobachten. Diese Grundlagen und Konzeptionen hatte ich mir bereits vorher angeeignet, zumindest was die Eignung und Lesbarkeit beim Einsatz von Schriften für verschiedene Medien betraf. Generell kann ich sagen, dass sich diese Einflüsse eher auf meine allgemeine Denkweise auswirkten.

Welche Techniken nutzten Sie bei der Realisierung Ihrer Schrift und wie gestaltete sich der Design-Prozess?
Den Text schreiben, wie er über Papier fließt, eine Form wählen, mit einem Digitalstift so neu schreiben, dass es wirkt wie auf Papier geschrieben, und dann Überarbeiten, Überarbeiten, Überarbeiten. All diese Schritte wiederholten sich zyklisch, bis eine komplette Serie an Skizzen entstanden war.
Wie man weiß, gibt es unendlich viele Methoden, eine Schrift zu entwerfen. In diesem speziellen Fall entschied ich mich für die Rekonstruktion des handgeschriebenen Textes. Dies vermittelte mir ein Gefühl von Natürlichkeit, geprägt von handgezogenen Linien, dem Druck der Stiftspitze und individuellem Geschmack. Als ich aber den Digitalstift verwendete, um den Text direkt zu schreiben, schien das Ergebnis von dem auf Papier leicht abzuweichen, sodass ich es mehrfach überarbeitete, um die optimale Form zu erzielen.

Für mich ist die Originalität der Formen und Stile alles ...

Welche war die größte Herausforderung, mit der Sie sich bei der Gestaltung Ihrer Schrift konfrontieren mussten?
Die Originalität. Auf diesen Aspekt legte ich allergrößten Wert. Auf der einen Seite unterliegen die Anforderungen an Typografie einem ständigen Wandel und jeden Tag entstehen hunderte, wenn nicht tausende Schriften mit neuen, kreativen Stilen. Andererseits ist die spezifische Nachfrage der Grafikbranche nach individuell gestalteten Schriften nicht minder herausfordernd. Und bei allem ist Originalität gefragt.
Für mich ist die Originalität der Formen und Stile alles. Und Originalität zu erreichen, ist keineswegs einfach. Es ist schwierig, Ähnlichkeiten zu vermeiden, die augenscheinlich zufällig entstehen. Der wichtigste Aspekt ist hierbei, dass ich immer so nah und natürlich wie möglich am Prozessfluss arbeite. Alles andere überlasse ich dem Urteil des Publikums.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, das Handschrift-Feature für das OpenType-Format korrekt zu entwerfen, das für die komplexen Schriften so angemessen und proportional wie möglich sein sollte. Es ist wichtig, die ideale Konzeption einer Schrift in die Praxis umzusetzen.

Wie würden Sie den Stil Ihrer Schrift beschreiben?
Lässig und sportlich, mit einem Touch Individualität, asymmetrisch, einzigartig, sympathisch und natürlich. Auf jeden Fall strahlt Coomeec Stärke aus und vermittelt einen anderen Eindruck als vergleichbare Schriften.

Gibt es etwas, das Sie unterstreichen oder der Grafiker-Community über Ihre Schrift sagen möchten?
Coomeec wurde als Alternative zu herkömmlichen Comic-Textschriften und ähnlichen Fonts geschaffen. Dies mag allzu ehrgeizig klingen, allerdings muss ich sagen, dass eine sportliche, ungezwungene Schrift wie diese sehr individuell ist und sich nur für eine begrenzte Auswahl von Grafik-Designs eignet. Dennoch ist Coomeec relativ „kombinationsfreudig“ und für das Zusammenspiel mit verschiedenen Schriften mit und ohne Serifen gut geeignet.
Zusätzlich zu den Standardzeichensätzen von Coomeec innerhalb der acht Schnitte gibt es OpenType-Features für Kapitälchen, alternative Kleinbuchstaben und alternative Großbuchstaben.
Bei der Gestaltung von Comic-Texten vermittelt die Verwendung der einzelnen Zeichengruppen ebenso wie deren Kombination jeweils verschiedene Eindrücke.

Für welche Anwendungen würden Sie Ihre Schrift empfehlen?
Sie eignet sich für alle Comic-Texte und ähnliche Anwendungen. Auch kann sie für kurze und lange Textpassagen in Büchern, zum Beispiel für Romane, aber auch in Magazinen oder für markenspezifisches Material wie Produkt-Logos, Corporate Identity und alle zugehörigen Drucksachen verwendet werden. Ebenso kann sie nach Zielgruppen gewählt werden, beispielsweise für Lebensmittel oder für den Lebensmittelvertrieb, Materialien für Kinder und Jugendliche usw. Aber dies sind nur Beispiele. Für welche Anwendung sie sich wirklich eignet, hängt stark von der Wahl des einzelnen Grafikers ab.

Das gesamte Schriftbild wirkt relativ eng‚ was den effizienten Einsatz auf geringem Raum‚ wie zum Beispiel in Sprechblasen‚ ermöglicht ...

Welche sind die einzigartigen Details, die diese Schrift Ihrer Meinung nach charakterisieren?
Coomeec ist eine Schrift mit leicht verbundenen Kleinbuchstaben, kompakten Großbuchstaben und proportional darauf abgestimmten Kapitälchen. Einige Zeichen, wie das kleine g, das r und andere zeigen experimentelle Details, wie man sie in Handschriften findet. Das gesamte Schriftbild wirkt relativ eng, was den effizienten Einsatz auf geringem Raum, wie zum Beispiel in Sprechblasen, ermöglicht. Zusätzlich gibt es alternative Features, mit denen die Verbindungseffekte beseitigt werden, um mehr Freiraum zwischen den Zeichen zu schaffen.

Aus welchem Grund haben Sie der Schrift diesen Namen gegeben und was bedeutet er?
Prinzipiell hätte ich die Schrift „Comic“ nennen wollen, einfach und direkt. Leider war dies nicht möglich, weil es bereits eine Schrift mit diesem Namen gibt. Darum nannte ich sie Coomeec. Der Name wird anders geschrieben, aber gesprochen hat er einen ähnlichen Klang wie Comic. Ich habe keinen speziellen Bezug dazu und auch der Name selbst hat keine Bedeutung in einer anderen Sprache. Coomeec klingt einfach so ähnlich wie „Comic“, nicht mehr und nicht weniger.

Gibt es noch etwas, das Sie über Ihre Schrift gern sagen würden?
Mir ist bewusst, dass ich noch viele Wissenslücken habe und in der Welt des Schrift-Designs noch viel lernen muss. Daher bin ich offen für jede konstruktive Kritik und dankbar für jede Gelegenheit, von anderen zu lernen.
Ich bewundere alle großen Schrift-Designer, die ich an dieser Stelle nicht einzeln nennen möchte, um nicht den Eindruck zu erwecken, andere weniger zu respektieren. Ich wäre wirklich sehr stolz, eines Tages mit ihnen gemeinsam an einem Schriftprojekt arbeiten zu dürfen.

Verwandte Produkte

281 US$
In den Warenkorb