Experimentelle Typographie





Wie Grafikdesign-Studenten mit Schrift arbeiten und damit umgehen ist uns vertraut, aber was passiert, wenn Kunststudenten das machen? Und wie beschreiben sie ihre Beweggründe und Resultate? Schauen Sie sich hier die interessanten und sehenswerten Ergebnisse an.

Maike Wölfl – Zapfino


Letters – Diese Plakatreihe unterstützt die raumgreifenden Schwünge der Buchstaben der Schrift Zapfino®. Es wurde lediglich der Buchstaben ‚p’, ‚z’ und ein Sonderzeichen in verschiedenen Ausrichtungen und Anordnungen verwendet. Hierbei war mir wichtig, nur sehr reduziert und gezielt ausgesuchte Buchstaben in verschiedenen Anschnitten zu verwenden, um ein einheitliches Erscheinungsbild zu schaffen. Der große Zoom in die Buchstabenanordnung legt das Augenmerk insbesondere auf die Stichstärke und die Buchstabenenden. Hier wird das Verspielte, der Fluss, die Bewegung der Zapfino unterstützt. Indem man seinen Blickfokus von den schwarzen Flächen auf das Gesamtplakat ändert, ergeben sich durch die entstehende Aufteilung weißer und schwarzer Flächen (die in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen) zusätzlich neue Formen.”
Zapfino
Zapfino

Annika Heller – Helvetica


„Die Helvetica® ist für mich der Innbegriff einer geradlinigen, schlichten Schrift ohne Serifen. Siewirkt durch ihre klaren und einfachen Linien sehr leicht und grazil. Die Helvetica lässt sich sehr schön in ihrer Familie kombinieren, da man mit Stärke und Spationierung der Buchstaben spielen kann.

Aus zwei Plakaten, die die Ausgangsformen und -farben beisteuern, entstehen immer kleiner werdende Auszüge, die sich bei den kleinsten Werken nur noch auf Farbe oder Form beziehen. Man taucht immer mehr in die Materie ein und beschäftigt sich mit der Wirkung von Form und Farbe. Die Elemente aus den zwei Ausgangswerken verbinden, ergänzen und beeinflussen sich. Das eine Plakat, schwer, mit dunklen Farben und eckigen Formen, im Gegensatz zu dem anderen Plakat, dass durch fröhliche Farben und runde Formen besticht. Es wird, umso kleiner die Plakate werden und umso weniger Formen und Farben benutzt werden, immer ruhiger und intensiver. Man kann sich auf die Anordnung der Elemente konzentrieren, wie sie im Raum stehen und durch kleine Besonderheiten Spannung erzeugen. Die verschiedenen Formen und Farben verschmelzen förmlich miteinander. Und man erhält eine Verschmelzung der zwei völlig konträren Ausgangsplakate.”
Helvetica
Helvetica

Ann-Christin Dinkhoff – Quench


„Die Quench® Schriftfamilie wurde designt von Hannes von Döhren und im Jahr 2008 bei Linotype veröffentlicht. Die Quench ist eine Schrift starker Kontraste. Die innere Form der einzelnen Buchstaben ist größtenteils rechteckig und wirkt maschinell und streng. Die äußere Form ist hingegen abgerundet und wirkt fließend und locker. Schließlich ergibt sich aus dem Spiel mit den Kontrasten eine lebendige Schrift, die schwungvoll wirkt, etwas kindlich und naiv. Dies lädt dazu ein, mit dieser kuriosen Schrift zu spielen und ihren witzigen Charme auf kindliche Art und Weise einzusetzen. Während des Entwurfsprozesses habe ich versucht, diesen kindlichen und naiven Eindruck auf eine ironische Art einfließen zu lassen. Die Grafiken erzählen eine Geschichte in einer Manier, die an Kinderbücher erinnert. Es ist eine Hommage an die kleinen lästigen Mitbewohner, die jeder gerne schnellst möglich loswerden will.”
Quench
Quench

Susanne Bonowicz – Klint


„In meiner experimentellen Reihe beschäftige ich mit der von Hannes von Döhren entworfenen Schrift Klint®.
Die Schriftfamilie Klint enthält 30 Schnitte und ist in fünf verschiedenen Strichstärken von Light bis Black verfügbar. Jede der Strichstärken gibt es in drei unterschiedlichen Breiten, Condensed, Regular und Extended und alle sind als Antiqua- und Kursiv-Variante erhältlich. Auffällig bei der Schriftfamilie Klint ist, dass man sie auch sehr gut in kleinen Größen und kursiv lesen kann. Einen besonderen Charakter haben die Buchstaben: K, k, R, r, g, a und S, s. Alle Schriften der Familie umfassen insgesamt 654 Zeichen. Durch das nicht zu minimalistische Design wird die Schriftart Klint vielseitig eingesetzt, wie zum Beispiel in Magazinen, Katalogen und Broschüren in den Schriftstärken: Light, Regular und Medium, aber auch als Überschrift auf Postern lässt sich die Klint in der fetteren Variante gut verwenden.”

In meiner experimentellen Arbeitsreihe habe ich zunächst alle Zeichen der Schriftart Klint einzeln betrachtet, sowie auch nebeneinander gestellt, um einen Überblick über die verschiedenen Schnitte und Stärken zu gewinnen.
Daraus folgte die Idee, einzelne Buchstaben und Sonderzeichen, in unterschiedlichen Schnitten und Stärken zu vergrößern und zu beschneiden und individuell anzuordnen. Durch das Zusammensetzten und neu Anordnen der Buchstabenelemente entstand ein völlig neuer Kontext, der auf den ersten Blick nichts von typografischer Gestaltung erahnen lässt. Zunächst legte ich die beschnittenen Elemente nur im Schwarz/Weiß- und Größenkontrast an und fertigte daraus eine Art experimentelles Skizzenbuch.
Nachdem ich mich mit den Formen vertraut gemacht hatte, übersetzte ich den Vorgang in eine neue Reihe und begann mit Farben zu arbeiten. Durch das verkleinern einzelner Formen schaffte ich an anderer Stelle wieder Freiräume und neue Kompositionen. Diesen Vorgang wiederholte ich mehrmals und duplizierte an frei gewählten Stellen einige Formen, um sie an anderer Stelle wieder zu entfernen. Daraus entstand ein sich immer wiederholender Formenkanon. Schließlich entschied ich mich einige Formen nur mit Haarlinien einzusetzen, um in der Gesamtkomposition mehr Raum zu gewinnen. Dabei wurden die geschlossen Formen wiederum mehr betont und es entstand eine Art Dynamik durch die Verdichtung verschiedener Partien von angehäuften Haarlinien. Als verstecktes typografisches Element wählte ich in jedem meiner letzten Entwürfe das ‚K’ der Schriftfamilie, was zum einen für die Schrift Klint steht und zum anderen darauf hinweisen soll, dass es sich um ein rein typografisches Plakat handelt.”
Klint
Klint

Jana Andrlik – Neue Swift


„Die Neue Swift® ist eine Überarbeitung der 1986 entworfenen Swift des niederländischen Designers Gerard Unger. Vorbild für die Swift war der Mauersegler (eng. Swift). So wurde der Designer durch den geradlinigen mit plötzlichen Kurven versehenen Flug der Mauersegler inspiriert.

Aber auch der Körperbau der Mauersegler zeigt Parallelen zur Schrift: so sind die Flügel des Mauerseglers im Verhältnis zum Rumpf relativ zierlich. Auch die Swift ist charakterisiert durch kräftige gerade Linien an welche im Verhältnis eher zarte Schwünge anschließen, wie zum Beispiel beim ‚d’. Entworfen wurde die Swift mit dem Ziel, die Lesbarkeit von Zeitungstexten zu verbessern. Die Neue Swift wird allerdings eher außerhalb von Zeitungstexten verwendet.

Die Neue Swift ist im Vergleich zur Swift kein neues Design, sondern viel mehr eine Überarbeitung der Vorgänger-Schrift, die Unger für Linotype vornahm. In diesem Zusammenhang wurden 24 Schriftschnitte herausgebracht. Sie unterteilen sich in die Varianten Swift Light, Swift Regular, Swift Book, Swift Bold, Swift Extra Bold und Swift Bold Condensed und in die Untervarianten wie z.B. unterschiedliche Schriftlagen (z.B. kursiv). Meine Hauptidee zur Plakatgestaltung mit der Swift war, das Erscheinungsbild der Swift mit den kräftigen geraden ‚Rümpfen’ und den eher zierlichen Schwüngen in übertragener Weise darzustellen und es etwas zu übersteigern. So kam es zu den Vierecken, also klaren geometrischen Formen, aus denen geschwungene, verhältnismäßig zierliche Formen ‚ausbrechen’.

Die Basis dafür habe ich aus vielen, leicht transparenten Einzelbuchstaben, die zu einem Ganzen werden gelegt. Um die Buchstabenauswahl etwas einzuschränken und noch einen weiteren Zusammenhang zur Neuen Swift herzustellen, wählte ich die Buchstaben ‚S-W-I-F-T’. Um allem eine größere Plastizität zu geben, habe ich die Formen mit vielen kleinen ‚s’ mit voller Deckkraft sozusagen umrandet.

Diese Idee habe ich in unterschiedlichen Weisen weiterentwickelt und angeordnet.”
Neue Swift
Neue Swift
Neue Swift

Tim Roßberg – Garamond


„Ganz nach dem Leitsatz ‚Neue Ansichten brauchen neue Schriften’, schuf der französische Typograph und Schriftschneider Claude Garamond (1498–1561) jene Schriftschnitte, die später unter dem Namen Garamond™ großen Einfluss auf die fortlaufende Entwicklung der Typographie haben sollten. Ihr kursiver Schnitt gilt unter Typographen bis heute als der Innbegriff ästhetischer Vollkommenheit, Eleganz und Lesbarkeit. Um den historischen Kontext der französischen Revolution, der die Entstehungszeit der Garamond markiert, in meinen visuellen Gestaltungen Rechnung zu tragen, spielt der Aspekt des ‚Auf Bruchs’ eine entscheidende Rolle. Das Aufbrechen der Buchstaben auf dekonstruktivistische Art und Weise verdeutlicht den individuellen Charakter des Schnitts und hebt dessen schnittspezifische Besonderheiten hervor. Die dadurch entstehenden Flächen und Räume bilden neue Sinneinheiten und fügen zusammen, was zuvor distanziert und von einander getrennt auftrat. Der Betrachter wird dazu animiert fehlende Buchstabenfragmente sinnvoll zu ergänzen, damit die gewohnte Harmonie der Linie und Form zurückkehrt. Während einige Buchstaben eindeutig zu identifizieren sind, scheinen andere aufgrund ihrer Fragmentstruktur als freie Formen, deren ursprüngliche Gestalt kaum noch erkennen ist.”
Garamond
Garamond

Zeynyp Yildiz – Libelle


„In meinen Plakatreihen habe ich mich mit der Schrift Libelle™ auseinandergesetzt. Die englische Schreibschrift Libell“, kreiert von Jovica Veljovic, wurde für die Verwendung mit modernen Designprogrammen entwickelt. Die Optik englischer Copperplate-Schriften wurde mit dem Komfort einer modernen Opentype-Schrift kombiniert. Die Schriftart hat mir ermöglicht meine Kreativität im Entwurfsprozess voll auszuleben, da sie selbst über besonders kreative und dynamische Formen verfügt.
Durch mehrfaches Duplizieren, Kopieren und Anordnen der Buchstaben entstanden sowohl dynamische als auch sehr ruhige Formen, die ich zu einem Gesamtbild kombinieren konnte. Der Einsatz von Farbe erfolgt gezielt. Zum Teil habe ich durch die Verwendung transparenter Farben massiv wirkende Formen in den Hintergrund gedrängt, um Details filigraner Grafiken in den Vordergrund stellen zu können.”
Libelle
Libelle
Libelle