Gottfried Pott– Einblicke in die Welt der Kalligraphie

Ein ganz anderes Vorgehen, mit der gleichen Feder, führte zu einer Manipulation. Ich war wieder einmal auf der Suche, für die Umsetzung eines bestimmten Vorhabens das geeignete Instrument zu finden. Es sollte in der Lage sein, Schreibspuren in allen Richtungen zu produzieren und einen feinen Wechselstrich zu ermöglichen. Ein solches Werkzeug gibt es natürlich; ich meine den Spitzpinsel. Ich wollte aber nicht die Flexibilität des Pinsels, sondern ich versuchte, der starren Feder eine nahezu uneingeschränkte Bewegungsfreiheit abzuringen.

Mit der Feder wollte ich frei und spontan arbeiten können, ohne die blockierende Angst, bei extremer Federführung hängen zu bleiben. Nach Versuchen mit verschiedenen Werkzeugen griff ich wieder zur Redisfeder. Ich begann, die runde Schreibplatte vorne, d. h. am Beginn der Kapillarspalte, auf einem Naßschleifpapier vorsichtig anzuschleifen. So entstand eine Begradigung der runden Federplatte. Durch Nachschleifen vermied ich jede Kantenbildung, um so das gefürchtete Hängenbleiben beim Schreiben auszuschließen. Und nun das Wichtigste: ich drehte die Feder um und begann zu schreiben; d. h. die Unterseite der Feder war jetzt dem Schreiber zu gewandt. Zusatznutzen: die Unterseite bildete so auch ein vergrößertes Tinten- bzw. Farbreservoir. Beobachter belächelten zunächst das „exotische” Vorgehen. Die vielfältigen Möglichkeiten, mit diesem Instrument zu arbeiten, und vor allem die Ergebnisse brachten die Skeptiker dann zum Verstummen. Studenten und Workshopteilnehmer bekräftigten: das Schreiben mit dieser manipulierten Feder gleicht einer Befreiung. Bei aller Freude am Experiment – auch dieses war natürlich auf das Schreiben als Hauptziel ausgerichtet.

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